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Broadcast
läßt es krachen

Große Nachrichten auf NAB in Las Vegas

Von Roland Schäfer und Martin H. Schmitt

"Absolutely gorgeous", wie der Amerikaner zu sagen pflegt, war wieder einmal das Wetter. Unter dem stahlblauen Himmel von Las Vegas trafen sich vom 7. bis 10. April wieder einmal die TV- und Studio-Profis aus aller Welt, um auf der NAB (Messe der National Association of Broadcasters) den Stand der Fernsehtechnik in Augenschein zu nehmen und einen Blick in die Zukunft der Branche zu wagen. Und die war in diesem Jahr vom Aufbruch geprägt wie selten zuvor.

So läßt sich’s arbeiten: draußen Sonne, drinnen kein Gedränge, jederzeit ein Ansprechpartner an den Messeständen mit viel Zeit -- da ist die Stimmung entspannt, und das Geschäftsklima gut. Besuchermäßig allerdings hatte die NAB 2003, wie so viele Messen in diesen Tagen, einen Rückgang von etwa 10 Prozent zu verzeichnen. Besonders die Europäer hatten sich angesichts Irakkrieg und leerer Reisekassen spürbar zurückgehalten -- die Zeiten, in denen ganze Abordnungen von Vertretern öffentlich-rechtlicher Sender die Hallenflure bevölkerten, sind vorerst vorbei. So blieben die Amerikaner weitestgehend unter sich. Reduziert war außerdem die Zahl der Aussteller, ergo wurde die Hallenfläche verkleinert; etwa 15 Prozent der neuen South Hall war durch Stellwände abgetrennt.

Wer kam nach Las Vegas, kam auch auf seine Kosten. Denn an spannenden Themen war in der Tat kein Mangel. High Definition-Fernsehen (HDTV) ist, 20 Jahre nach seiner ersten Vorstellung, endlich in allen Marktsegmenten und auf allen Produktebenen angekommen, in der Akquisition (Kameras), in der Nachbearbeitung (Schnitt- und Compositingsysteme), in Distribution und Archivierung (Playout, Content Management Systems) und auf allen Ebenen der Infrastruktur (Netzwerke, Speichersysteme usw.). "End-to-end solution" und "Interoperabilität" waren denn auch die meistgehörten Phrasen der Messe: Jeder Anbieter betont schon mantramäßig die Kompatibilität seiner Produkte zu den Geräten des Wettbewerbs; promotet wird, was der Kunde will, und kann man schon nicht die gesamte Produktionskette aus einer Hand liefern, so will man doch wenigstens wichtige Glieder stellen.

Formate: Optische Disk gegen SD-Festspeicher

Mit Paukenschlägen der ganz besonderen Art eröffneten die ewigen Rivalen Sony und Panasonic ihre Pressekonferenzen. Es geht um nicht mehr und nicht weniger als die Frage, was in der Broadcastindustrie an die Stelle des Magnetbandes für die Videoaufzeichnung treten wird. Wer über die Jahre hinweg die Formatkriege zuerst bei analogem und dann bei digitalem Tape verfolgt hat, ahnt es schon: Die Firmen geben grundverschiedene Antworten, die ihrerseits wieder auf einen neuen Krieg der Technologien hinauslaufen (s.a. Editorial). Während Sony die optische Disk (in diesem Fall mit blau-violettem Laser) als die Lösung der Zukunft promotet, will Panasonic selbst diesen Schritt komplett überspringen und gleich auf Solid State-Speicherkarten gehen -- Broadcastauflösung auf SD-Cards!

Sonys optisches Disk-System besteht aus zwei Camcordern (PDW-510 DVCAM zu etwa 19.900 US-Dollar, PDW-530 MPEG IMX/DVCAM zu etwa 34.000 US-Dollar), einem akku- oder Strom betriebenem mobilen Abspieldeck (PDW-V1), dem Kompakt-Deck PDW-1500 sowie dem Studio-Deck PDW-3000 und einem wiederbeschreibbaren DVD-Medium (12 cm-Disk in einer Cartridge), das eine Speicherkapazität von 23,3 GB erreicht. Die Disk kann bis zu 90 Minuten DVCAM-Material (mit 25 Mbit/s) oder 45 Minuten MPEG IMX-Material (mit 30, 40 oder 50 Mbit/s) speichern. Die optischen Medien befähigen zu einem Datentransfer von Videodaten von der Kamera in den Laptop 30mal schneller als Echtzeit (die 90 Minuten DVCAM in 3 Minuten). Setzt man Studio-Decks ein, wird der Transfer sogar 50mal schneller.

Für den Erzrivalen dagegen ist Sonys Zukunftsvision schon wieder kalter Kaffee. Panasonics neues Konzept will nicht nur dem Aufnahmemedium Band den Garaus machen, sondern gleich sämtliche rotierenden Medien inklusive der Diskformate ins Museum schicken. Als Medium für Panasonics DVCPRO-Aufnahmeformat soll bereits ab Anfang 2004 die weit verbreitete SD-Memory Card dienen. Das zentrale Argument für das Festspeichersystem lautet: Es hat überhaupt keine beweglichen Teile mehr, hat keinen Verschleiß, ist demnach wartungsfrei. Zunächst werden ein Camcorder, ein Laptop-basierendes Schnittsystem und eine Transfer-Unit für Rohmaterial auf den Markt kommen. Für die tägliche News-Akquisition sind vier 1-Gigabyte-SD-Cards im Gehäuse einer PCMCIA-Karte untergebracht. Damit passen 20 Minuten DVCPRO-Material mit 25 Mbps Datenrate auf eine Karte; für die zwei PCMCIA-Slots des Camcorders bedeutet das 40 Minuten Bild und Ton. Noch während der Aufnahme auf der zweiten Karte kann die erste Karte in das mobile Schnittsystem entladen werden. Dadurch wird die Time-to-Air erheblich beschleunigt. Noch sind die SD-Cards teuer, doch ihr Preis reduziert sich jährlich um etwa 30 Prozent. Zur Produkteinführung 2004 rechnet Panasonic mit weniger als 600 US-Dollar für die 4-GB-Karte, was inklusive Wegfall des Bandmaterials und wartungsfreier Mechanik in einer Kostenersparnis resultiere. Ab 2006 sollen Karten mit bis zu 64 GB Speicherkapazität verfügbar sein, auf die dann sogar HDTV-Signale aufgenommen werden könnten (s.a. Editorial).

Kein Wunder, daß angesichts dieser "großen" Nachrichten die zahlreichen übrigen Neuheiten beider Firmen in den Hintergrund traten. Sonys nonlineares Profi-Schnittsystem XPRI war in der Version 6 sowie in einer Laptop-Ausgabe zu sehen; es beherrscht jetzt Echtzeit-3D-Effekte bei der Arbeit mit unkomprimiertem SD- und IMX-Material. Hinzu kamen der neue Sony DVCAM-Harddiskrekorder DSR-DR1000, jede Menge neuer HDCAM- und HDCAM SR-Produkte (Highend), ein MPEG IMX-basiertes drahtloses Kamerasystem, ein Network Production System und das Archivierungssystem PetaSite (1 Petabyte = 1.000 Terabyte).

Bei Panasonic standen im Vordergrund der DV-Recorder AG-DV2500, der kleine Doublespeed-DVCPRO-Recorder AJ-DX225, ein neuer DVCPRO- Studiorecorder mit IEEE1394 und neue Kameras, der Camcorder AJ-SDX900 für DVCPRO50, DVCPRO, 16:9, 4:3 und 25p, das Notebook-NLE-System AJ-DE10 für DVCPRO und DV sowie als Weltpremiere ein IEEE1394-Interface für den Transfer nativen 50 Mbps-Signale.

Avid: DNA

Wichtige Nachrichten gab es bei Profischnitt-Marktführer Avid: Die Familie der "Digital Nonlinear Accelerators" (DNA) besteht aus den drei Hardware-Beschleunigern Nitris, Adrenaline und Avid Mojo, und sie bieten Echtzeit-Processing vom Capturing bis zur Ausgabe im HD-Format. Die Nitris-Hardware ist etwa 30 mal schneller als die neuesten Pentium 4-Prozessoren; sie unterstützt unkomprimierte HD-Formate bis 1.080(i). Adrenaline, zweites Kind der DNA-Familie ist auf kleinere Broadcaster ausgerichtet. Es transportiert unkomprimiertes Video in Standardauflösung über eine Firewire-Verbindung. Mac und PC werden via Standard-Firewire mit Adrenaline zur Avid-Workstation. Auch die neue Version des Media Composer trägt das "Adrenaline" im Namen. Ganz auf den mobilen DV-Echtzeitschnitt ausgerichtet ist das externe Avid Mojo. Zusammen mit AvidXpreß oder Avid NewsCutterXP kann on location mit dem Notebook geschnitten werden.

Die Software Avid Xpreß Pro ist der Nachfolger von Xpreß DV und bietet je 24 Video- und Audiospuren, 2D und 3D Effekte, erweitertes Titling und eine OneStep-Farbkorrektur. Unterstützt werden 24p-Projekte, diverse Offline-Auflösungen und die Panasonic AG-DVX100 (s. Test in CV 2/03 und ab S. 38). Das neue "Nearchive" ("Near Archive) ist ein Speicher- und Media Management System für Postproduction, Film und Broadcast. Außerdem wurde die neue Version 3.5 von Softimage XSI demonstriert.

Apple: DVD Studio Pro 2, Final Cut Pro 4, Shake 3

Adobe stellte erstmals sein DVD-Authoringsystem Encore DVD vor (s. News). Eine deutsche Version wird es leider nicht geben -- genausowenig wie eine Mac-Version. Das ist auch klug so, denn am Mac ist gegen Apples DVD Studio Pro mittlerweile kein Blumentopf mehr zu gewinnen. Apple will den Vorsprung mit DVD Studio Pro 2 weiter ausbauen. Das komplett neu geschriebene DVD-Studio Pro 2 für MacOS X wird hierzulande für August angekündigt (Upgrade 230,84 €). Die Vorlagen für die DVD-MPEGs soll Final Cut Pro 4 liefern: Neu ist darin die Videobearbeitung für unkomprimierte 8- und 10-Bit-Formate sowie die volle 32-Bit- Unterstützung pro Kanal. Drei Anwendungen sind hinzugekommen: "LiveType" für die Betitelung, "Soundtrack" für die Musikbegleitung und "Compressor" zur Erleichterung des Workflows beim Kodieren. FCP 4 wird ab Juni im Fachhandel für 1.158,84 € erhältlich sein.

Vervollständigt wurde der Apple-Reigen durch Shake 3 (ab 5.798,84 €). Die Compositing- und Visual-Software (s. News CV 4/02), bekannt durch ihren den "Herr der Ringe"-Einsatz, setzt auf neue Netzwerk-Rendering-Optionen für MacOS X, einen verbesserten Animationskurveneditor und weitere Visual Effects-Tools.

 

 Pinnacle und Sony

Am Stand von Pinnacle hatten die Mitarbeiter gut lachen, wurden sie doch allerorten auf die prestigeträchtige Kooperation mit Sony angesprochen. Sie umfaßt u.a. das Zusammenspiel zwischen dem neuen Optical Disc-System und Pinnacles Editing-Systemen Vortex für den Newsroom sowie die Liquid-Schnittsysteme, die nun DVCAM direkt unterstützen. Ein zentraler Bestandteil des Systems ist der Sonys Festplattenrecorder DSR-DU1 (s. Test ab S. 36). Ansonsten gab Pinnacle die Unterstützung von MPEG-2 Long-GOP Editing (Group Of Pictures) in Vortex und Liquid bekannt, darunter u.a. Liquid Chrome und Liquid Purple (s. News auf S. 6). Ansonsten stand bei Pinnacle die Netzwerkstrategie Palladium im Mittelpunkt, die nun endlich in die erstne Produkte eingeflossen ist.

Canopus: Edius & Updates

Der Canopus-Auftritt auf der NAB stand ganz im Zeichen der neuen Software Edius (s. News). Außerdem können nun Videofiles von Sonys DSR-DU1 mehr als 11 MB/s (3x Speed bei DV) direkt in das ebenfalls neue Laptop-Schnittsystem CWS-30 übertragen werden. Vorgestellt wurde außerdem die 3D-Effekt-Software Photo Album 2.0, mit der Videos und Standbilder in einem "Album" zusammengestellt werden können. Die 3D-Videoeffekt-Software Xplode Professional 4.0 bietet u.a. neue Übergänge und umfangreichere Composer-Effekte inklusive verbesserter Render-Engines. Das Transcoding-Tool ProCoder 1.5. liefert nun Encoding-Tools fürs Streaming unter Windows Media 9 und QuickTime und unterstützt außerdem den import von Flash-Grafiken.

 

Sonstige Player

News brachten auch andere Firmen der Branche. Den wohl kleinsten Stand der NAB 2003 kann Cinegy für sich reklamieren, die Broadcast-Tochter von AIST (s. News S. 14/15). Sie ist eine Server-Client-Lösung zur gruppenorientierten Bearbeitung von Video, Audio und Bildmedien. Mit dem britischen TV-Sender BBC wurde in 2001 die Lieferung von 600 Einheiten vereinbart. Und richtig: Nur ein paar Meter weiter wurde das Produkt auf dem Stand der BBC unter dem Namen "Colledia" vorgestellt.

Media 100 stellte für sein Finishing-System 844/X (s. News CV 1/03) die Software-Version 2 mit High Definition-Support vor, den Xblur (optionale PCI-Karte für 844/X mit Support für Gauss´schen Blur in Echtzeit), die iFinish-Version 4.6 und kündigte neue Konfigurationen und Preise an. Alias Wavefront hatte Maya 5 im Gepäck, Discreet das neue Farbkorrektursystem Lustre. Matrox stellte mit der Xtreme und Xtra zwei neue Mitglieder seiner RT.X-Familie von Schnittsystemen vor (s. News) sowie die Version 2.0 von Matrox Infonet TV. Übrigens: Den Vogel in Sachen HDTV schoß wieder mal Microsoft ab, indem es die Übertragung von HDTV-Signalen auf ein bewegtes Ziel demonstrierte (in Kooperation mit der Firma Linx Electronics): Ein Van, der durch die Straßen von Las Vegas steuerte, empfing dank Windows Media 9 einen digitalen HD-Stream mit einer Nutzdatenrate von immerhin 9 Mbit/s -- das dürfte in etwa für DVD-Qualität ausreichen. Womit wieder mal klar sein dürfte: Vor Microsoft gibt es kein Entrinnen, nicht einmal in den Straßen von Las Vegas.

ComputerVideo dankt Werner Weskamp für die freundliche Unterstützung vor Ort.

 

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