Editorial CV 1/02: Kurze Beine

 

Es grenzt an Massenhysterie: Die großen UE-Hersteller aus Fernost scheinen derzeit jeden, der überhaupt nur einen Lötkolben halten kann, für das Projekt DVD-Recording zu rekrutieren. Die Erde brennt, was das Zeug hält, und zwar DVD-R, DVD-RAM, DVD-RW, DVD+RW und neuerdings zu allem Überfluß auch noch DVD+R. Versteht sich von selbst, daß die Formate beim Schreiben weitgehend inkompatibel zueinander, besonders was die Medien angeht. Schade eigentlich: Denn einfach in den nächsten Flächenmarkt marschieren und blind einen Zehnerpack Rohlinge kaufen, wie Sie es von der CD gewohnt sind: Das läuft nicht bei der DVD (s. div. Backgrounder in CV). Ein RW-Brenner frißt nun mal keine +RW-Rohlinge und umgekehrt. Das riecht nach Fehlkäufen und frustrierten Kunden ...

Nun sind zum Zeitpunkt der Drucklegung dieses Heftes hierzulande überhaupt erst zwei Standalone-Modelle lieferbar (s. Vergleichstest ab S. 18); doch erstens wird dieser für Panasonic und Philips paradiesische Zustand nicht lange anhalten -- Pioneer und andere scharren bereits heftig mit den Füßen, wie unser News-Special auf S. 12 weiß -- und zweitens gibt’s ja immer noch die probaten PC-Brennerlaufwerke: Apple hat hier wieder mal den Vorreiter gespielt, als es den ersten R-Drive (den Pioneer A03) bereits im März 01 mit seinen Highend-G4s bundelte, noch bevor er überhaupt als Einzelgerät verfügbar war. Zahlreiche andere Hersteller zogen nach.

Seit der IFA liefert auch das +RW-Lager aus, und zwar zunächst mal Hewlett-Packard (s. Test ab S. 24), Lucky-Goldstar und Philips. Bezeichnend ist nun, daß diese Laufwerke allesamt von Ricoh stammen, sogar in derselben Fabrik gefertigt werden. "It’s a Ricoh" müßte billigerweise auch auf dem neuen Sony +RW-Drive stehen (s. News-Special). Noch auf der IFA hatte Sony beteuert, das erste hauseigene Gerät käme frühestens in der zweiten Jahreshälfte 02 und werde überdies ein Kombigerät für +RW und -RW. Nun ja: Marketing hat bisweilen kurze Beine.

Eines zeigen die +RW-Schnellschüsse von Sony und anderen freilich sonnenklar: Für die Hersteller von Unterhaltungselektronik sind DVD-Recorder das "nächste große Ding", und keiner will’s verpassen. Lieber früh mit einem Fremdgerät am Markt, als zu spät mit einem eigenen... So richtig soll der Trend bei den Standgeräten fürs Wohnzimmer abheben, als Ersatz für den guten alten VHS-Recorder: Nie wieder spulen zu müssen und das Material quasi beliebig lange verlustfrei lagern zu können, ist halt schon ein verlockender Gedanke. Gepaart mit einer Festplatte und interaktiven Diensten -- ob via MHP-Box oder Internetanschluß -- ergeben sich Nutzungsszenarien, die sich die Erfinder der Glotze noch nicht mal haben träumen lassen. Die Personal Video-cum-DVD-Recorder, auf der IFA noch Prototypen, sollen laut Auskunft der Hersteller Panasonic und Thomson 2002 auf den Markt kommen. Es würde uns allerdings wundern, wenn wir noch bis zum nächsten Weihnachten warten müßte, um ins Video-Nirwana zu entschweben: Wetten, daß da einer vorprescht?

Bis dahin allerdings heißt es, entweder tapfer die Geldbörse zuzukneifen oder mit den Kinderkrankheiten zu leben, die Geräte der ersten Generation offensichtlich unausweichlich haben müssen. Unsere Tests deckten jedenfalls bei Standgeräten wie bei PC-Laufwerken etliche Ungereimtheiten auf. Besonders das Versprechen der Abspielbarkeit der auf ihnen gebrannten Scheiben "auf dem Großteil heutiger DVD-Player" ist Makulatur: Mehr als die Hälfte der getesteten Player wußte mit den Scheiben nichts anzufangen, und DVD+RW schnitt in diesem Punkt keinen Deut besser ab als DVD-RW. Drum prüfe, wer sich an ein Format bindet – selbst dann, wenn’s nicht für ewig ist!

Happy DVD-Burning

Ihr Roland Schäfer
Herausgeber ComputerVideo

Zurück zum Seitenbeginn