Editorial CV 1/03:

Enten In, DV-out

Zeitungsenten.jpg (5930 Byte)

Was ihr Gebaren angeht, so verhält sich Anas publicensis, vulgo: die gemeine Zeitungsente, ganz so wie ihre Brüder und Schwestern in freier Wildbahn: Sie schnattert, je mehr, desto besser. Die anderen Enten im Teich lassen sich nur zu gern davon anstecken, und bisweilen tönt der Schnatterchor so laut, daß sich niemand mehr so richtig für den Anlaß interessiert. Besonders, wenn’s der Leiterpel war, der als erster den Schnabel aufgerissen hat.

So war’s auch diesmal: Ein großer US-Branchendienst der PC- und Unterhaltungselektronik hatte Anfang November online vermeldet, das DVD-Forum mit Sitz in Japan hätte sich im Ringen um den Nachfolger der DVD überraschend für die AOD (Advanced Optical Disc) und gegen die Blu-ray Disc entschieden (s. u.a. News in CV 3/02 sowie Report in CV 6/02). Blu-ray wird von neun Konzernen unterstützt, die AOD bisher lediglich von zwei. Der Dienst berief sich dabei auf Äußerungen des DVD-Forumssprechers Hideyuki Irie, der dies angeblich als eine im Forum bereits beschlossene Sache bezeichnet hatte.

Keine 24 Stunden später hatten die einschlägigen Online-Webseiten die Nachricht rund um den Globus weitergeschnattert. Munter schrieb der eine vom anderen ab, die Kommentatoren überschlugen sich, auch große deutschsprachige Dienste verkündeten lauthals das Aus für Blu-ray. Nur — nachgefragt hatte beim Forum offensichtlich niemand. Dabei ist es doch sooo einfach in Zeiten des Internet: Man schreibt eine kurze Email an die Pressestelle und wartet ab, was passiert.

Manchmal passiert tatsächlich etwas: Uns flatterte auf unsere Nachfrage prompt eine Antwort in die Mailbox, direkt von "The Man himself", Hideyuki Irie. Sie ahnen es bereits: alles heiße Luft. Von einem Beschluß des Forums keine Rede, die Blu-ray Disc sei noch nicht einmal offiziell vorgeschlagen, geschweige denn abgelehnt worden, eine Entscheidung komme frühestens im 2. Quartal 2003. Angesichts der Nachfrage kündigte Irie uns ein klärendes Statement an, das kurz darauf auf der Webseite des Forums veröffentlicht wurde. Meinen Sie, auch nur einer der Dienste hätte nach dem Statement seine ursprüngliche Meldung revidiert? Woran wir sehen: Anas publicensis, die gemeine Zeitungsente, ist mindestens so vergeßlich wie schnatterhaft.

Ärgerlich ist auch unser zweites Thema, das leider keine Zeitungsente ist: Die großen UE-Hersteller haben der Freischaltung von DV-Camcordern offenbar endgültig einen Riegel vorgeschoben. Begründet wurde dies ausnahmsweise mal nicht mit den höheren Einfuhrzöllen, die in der EU auf aufnahmefähige Geräte zu berappen sind — Leser der ersten Stunde mögen bitte in den Exemplaren dieser Zeitschrift von Mitte 1997 nachschlagen, als wir als erste über die DV-Freischaltung berichteten — sondern, sehr phantasievoll, mit einer Verletzung des Copyrights. Denn die Software zur Sperrung des DV-Eingangs entstamme schließlich einem schöpferischen Akt und dürfe somit nicht verändert werden. Einem Anbieter von DV-in-Freischaltung flatterte innerhalb kurzer Zeit hochoffizielle Post von den Rechtsabteilungen so gut wie aller japanischen Hersteller ins Haus. Sie kündigten massive juristische Konsequenzen an für den Fall, daß er die Freischaltung nicht sofort stoppen würde. Eine konzertierte Aktion also – nicht gerade die Regel bei Japan, Inc.

Wer nachbearbeiten will, dem bleiben demnach nur zwei Wege: Entweder legt er zähneknirschend ein paar Scheine mehr hin für ein serienmäßig vom Hersteller freigeschaltetes, teureres Gerät. Oder er legt freudestrahlend ein paar Scheine weniger hin beim nächsten Camcorderkauf: im wesentlich preiswerteren Ausland nämlich. Fabrikneue PAL-Modelle kosten in den USA gerade mal die Hälfte, und Mail Order liefert häufig auch nach Deutschland. Ob eine solche Entwicklung die deutschen Hersteller freuen würde?

Ein Oh du fröhliches Preisvergleichen wünscht

Ihr Roland Schäfer

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