Editorial CV 1/08:

HD-Homöopathie

 

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Das scheint eine echte Spaßtruppe zu sein, die da in den Gremien und Standardisierungskomitees der Unterhaltungselektronik unterwegs ist. Wir stellen uns das durchaus erbaulich vor: Mal so richtig entspannen vom Einerlei des Arbeitstages im Labor oder am Schreibtisch, stattdessen mit dem notwendigen Abstand zum Hier und Jetzt im Konferenzsaal im 29. Stock hocken mit Gleichgesinnten, gekühlte Getränke, angenehmes Licht, und dann ganz losgelöst drauflosdenken, was die Welt wohl brauchen könnte, um sich noch besser zerstreuen zu können. Unter den Vorschlägen ist dann garantiert und immer wieder gern gesehen: der Fernsehstandard von morgen, nebst dazu passendem, hochauflösendem Disc-Format, versteht sich. 25, 50, gar 100 GB pro Scheibe – toll, wer bietet mehr? Full HD, 2k, 4k – der Auflösung ist nach oben keine Grenze gesetzt. Ein herrliches Leben, dieses Gremienleben!

Ist natürlich ein Hirngespinst, aber: Bisweilen kann es eigentlich nur so sein. Wie sonst wäre es zu erklären, daß derart kraß am Bedarf vorbei geplant, standardisiert und produziert wird wie jetzt beim Fall Blu-ray Disc und HD DVD? Gerade mal 1.700 Blu-ray Disc-Player und 6.000 HD DVD-Player wurden in Deutschland in den ersten neun Monaten verkauft. Den Kombi-Player von LG, der bisher einzige für beide Formate, haben sich die Deutschen knapp 130mal ins Wohnzimmer gestellt. Lassen wir die HD-abspielfähigen Spielekonsolen außen vor (Sonys PS3 und Microsofts XBox 360 mit HD DVD-Laufwerk), so läßt sich mit Fug und Recht konstatieren: Stand-alone HD-Player werden bis dato hierzulande in lediglich homöopathischen Dosen abverkauft. Daß sich das ändern wird, ist zwar wahrscheinlich – wann das allerdings passiert, das wissen nur die Fernsehgötter.

Zudem sind die Medien noch viel zu teuer, um den Massenmarkt aufzurollen, besonders bei der Blu-ray Disc. Warum mußten die Jungs in der Gremienkonferenz auch unbedingt komplett neue Produktionsmaschinen für die BD fordern, statt günstige, lediglich modifizierte DVD-Pressen zu benutzen, wie es die HD DVD-Konkurrenz tat? Alles Quatsch, sagen nun Pioneer und Mitsubishi, ist doch gar nicht nötig, machen wir halt einen Rohling mit einem anderen Substrat, dann geht BD ebenfalls kostengünstig auf DVD-Pressen (s. S. 11)! „Low-to-high“ (LTH) nennt sich das Verfahren, und es soll bereits Anfang des Jahres verfügbar sein. Hey, warum nicht gleich so, fragen wir uns da: Hätten die Propeller-Heads nicht daran denken können, bevor sie die teure Variante standardisierten? Auch der Preis der Rohlinge bestimmt schließlich die Akzeptanzgeschwindigkeit im Markt.

Nun ja, leider hat die Sache einen klitzekleinen Haken: Kein BD-Player kann die LTH-Scheiben derzeit abspielen. Dazu braucht’s erst ein Firmware-Upgrade, und welche Player es selbst damit überhaupt können werden, ist noch nicht abschließend geklärt.

Doch einen Joker gibt’s ja noch, von dem interessanterweise nur viel zu wenige wissen: Für viele Projekte ist weder das eine (BD oder HD DVD) noch das andere (LTH) notwendig. Bis zu 50 Minuten Full HD passen nämlich auf jeden simplen, spottbilligen DVD-Rohling, der von jedem Brenner BD- oder HD DVD-kompatibel beschrieben werden kann. Keine Extrakosten. Keine teuren Rohlinge oder HD-Brenner. AVCHD-Disc und MiniHD DVD (so wurden die billigen Geschwister getauft) erfordern lediglich eine angepaßte Authoring- und Brennsoftware. Und davon gibt’s bereits viele. Auch in dieser CV finden Sie in den News und Tests wieder einige davon.

Bitte verraten Sie das aber nicht denen in der Führungsetage. Die hören das nämlich gar nicht gern, daß es eine für viele preislich äußerst attraktive Alternative zu BD und HD DVD gibt, noch dazu vielfach aus eigenem Haus. Tja. Typischer Fall von Realitätsverlust. Soll schon mal vorkommen, da oben im Konferenzsaal, im 29. Stock… Wer sich da noch über die minimalen Verkäufe von HD-Stand-alone-Playern wundert, dem muß man es leider mal stecken: Wer zu spät nachdenkt, den bestraft der Markt.

Preiswertes HD-Disc-Brennen, frohe Weihnachten und einen guten Einstieg in 2008 wünscht
 

Ihr Roland Schäfer

Herausgeber


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