Editorial CV 2/05:
Mythos Native?
Edi2_05-Aufmacher


Nee, was war das schön damals -- schön einfach nämlich: zu Zeiten von MiniDV eine Antwort zu finden auf die Frage, welche Art der Kodierung denn nun besser sei, um Digital Video zu bearbeiten, die native oder die nicht-native. Das Wort „nativ“, im Englischen gleichbedeutend mit „ursprünglich, eingeboren“, bezeichnet bekanntlich eine Technologie, in der ein Datenstrom -- z.B. DV -- in seinem originalen Format aufgezeichnet, weiterverarbeitet und wieder ausgegeben wird. Wer „nicht-nativ“ arbeitet, muß in ein anderes Format umrechnen (transkodieren). Bei dieser Umrechnung entstanden bei DV zwangsläufig -- soviel läßt sich schon informationstheoretisch nachweisen -- Qualitätsverluste. Native Schnittsysteme waren demnach im Vorteil, konnten ihre Hersteller doch mit Fug und Recht behaupten, Video in demselben Format auszuspielen, wie es in das System gelangt war. „Transparente Qualität“ lautet das Marketing-Schlagwort, das sich an der Kasse in klingende Münze umsetzen ließ.

Bei HDV nun, dem High Definition Video, stimmt die Gleichung „native = besser“ so nicht mehr. Denn im Gegensatz zu DV, wo jedes Einzelbild geschrumpft wird, besteht der HDV-Datenstrom aus MPEG2-Bildergruppen, in denen nicht jedes einzelne Bild auch tatsächlich „physisch“ existiert. Bei dem in der von HDV verwendeten Variante von MPEG2 wird ein Großteil der Bilder -- bis auf die I-Frames, die Startbilder einer jeden Gruppe -- quasi je nach Bedarf aus den vorangegangenen (und zum Teil nachfolgenden Bildern) errechnet („on the fly“; lesen Sie dazu bitte unseren HDV-Report ab S. 20).

Das führt nun dazu, daß es unter Umständen vorteilhaft sein kann, aus dieser zum guten Teil pysisch gar nicht existierenden Bildergruppe zunächst einmal einen I-Frame-Datenstrom errechnen zu lassen -- in ein anderes Format zu transkodieren. Welches Verfahren gewählt werden sollte, hängt dabei vom speziellen Filmprojekt und seinem Material ab; wir werden diese Frage in den kommenden Ausgaben von CV noch genauer beleuchten. Wichtig ist aber: Der Anwender muß bei HDV auf jeden Fall umlernen. „Native“ ist eben nicht immer besser als „transkodiert“. Da gilt es, liebgewonnene Reflexe abzulegen, nicht alles über einen Kamm zu scheren, genau hinzuschauen. Wir geben wie immer Hilfestellung dabei.

Apropos „genau hinschauen“: Bekanntlich ist der März der CeBIT-Monat, und nirgends haben Sie in Deutschland bessere Voraussetzungen, um die Wißbegierde in Sachen Video zu stillen. Schließlich wird die Anwendung Videoschnitt in ihrem Wesen immer „digitaler“, der Rechner immer unverzichtbarer, die Technologien immer ähnlicher jenen der allgemeinen IT. Warum das so ist, finden Sie zusammen mit den Videotrends der CeBIT in unserem Vorbericht ab S. 18.

Wie schon üblich hilft ComputerVideo den Chancen, daß Sie auf die CeBIT kommen, ein wenig nach. Auch in diesem Jahr sind wieder Freikarten bei uns zu gewinnen, bei Eintrittspreisen von mittlerweile happigen 37 Euro pro Tageskarte keine geringe Ersparnis. Wir drücken Ihnen schon mal die Daumen -- mit ein wenig Glück sieht man sich in Hannover!


Happy (H)DV-Filming!

Ihr Roland Schäfer

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