Editorial CV 2/10:

Das Grauen
aus der Tiefe
des Raumes
  

Es kommt aus der Tiefe des dreidimensionalen Raumes, es packt dich und läßt dich nicht mehr los. Oder so ähnlich. 3D, so will es die allgegenwärtige Marketing-Maschine, ist: 1) die Zukunft (von was auch immer), 2) die Rettung (von wem auch immer), und 3) das Beste von allem, besonders aber das Beste der Unterhaltungselektronik, und von High Definition schon gleich dreimal. Wie haben wir nur so lange ohne dieses Wunder der Technik existieren können?

Mal im Ernst: Sie können heute keine Messe mehr besuchen, ohne daß nicht spätestens am zweiten Messestand ein übereifriger Praktikant auf Sie zustürzt, Ihnen eine 3D-Brille auf die Nase pflanzt und Sie irgendwelche 3D-Fische, 3D-Spiele oder 3D-Trailer anschauen läßt. Wie, Sie sehen „es“ nicht – kein räumlicher Eindruck? Hmm, da muß wohl „die Shutterbrille nicht synchronisiert“ sein... Nun ist klar, daß nicht jeder hastig dahinproduzierte 3D-Schnipsel den Wow!-Faktor des Cameron-Streifens „Avatar“ haben kann, der gerade als 3D-Türöffner alle Rekorde gebrochen hat. Was allerdings bei all der Aufregung nicht vergessen werden sollte: An „Avatar“ haben 1.500 Fachleute zehn Jahre lang hart gearbeitet und dabei 300 Millionen Dollar verschlungen. Wer kann sich so einen Aufwand sonst schon leisten?

Bisher jedenfalls waren alle Versuche, 3D-Film einzuführen, grandios gescheitert. Und es gab viele: Erste Experimente mit 3D machten bereits die „Erfinder“ des Kinos, die Brüder Lumière, anno 1895. Der erste Spielfilm in 3D wurde 1922 in Rot-Grün-Technik aufgeführt („The Power of Love“, USA). Von 1953 bis 1955 dann der erste ernstzunehmende Versuch mit rund 40 Filmen, 3D im Kino zu etablieren: zumeist effektheischende Science Fiction- und Horror-B-Movies wie „Gefahr aus dem Weltall“, „Der Schrecken vom Amazonas“ oder „Robot Monster“, einem der Anwärter auf den schlechtesten Film aller Zeiten. 3D-Einzelwerke der 60er und 70er verschwanden schnell wieder in der Versenkung; erst die 80er sahen Weiterentwicklungen wie „Der weiße Hai in 3D“ oder „Und wieder ist Freitag der 13.“ Doch noch in den 90ern waren 3D-Filme Mangelware – und Kopfschmerzen waren vorprogrammiert.

Nun ist zwar „Avatar“ technologisch gesehen eben kein alter Hut, sondern ein grandioses Spektakel, „ganz großes Kino“ eben. Wann und wie es jedoch nun mit einer auch nur halbwegs zufriedenstellenden Anzahl „echter“ 3D-Movies weitergeht (und nicht nur von 2D hochgerechneten), ist noch offen. Immer wenn es darum geht, Video zu produzieren (egal ob von Profis oder Amateuren), steht der Camcorder am Anfang der Bewegung. Stereoskopisch zu produzieren, ist nach wie vor anspruchsvoll, vor allem zu vernünftigen Preisen. Bisher hat sich lediglich Panasonic mit einem eigenen Profi-Camcorder mit Doppelobjektiv aus der Deckung getraut (dem AG-3DA1, s.u.); er zeichnet die Videostreams für das rechte und linke Auge jeweils in Full HD im AVCHD-Format auf einem Dual-SDHC/SD-Card-Rekorder auf. Wie wir uns überzeugen konnten, funktioniert die Technik schon ganz ordentlich – vom Massenmarkt jedoch ist das meilenweit entfernt. Consumertechnik dagegen wie die in diesem Heft getestete Finepix Real 3D W1 von Fujifilm (ab S. 30) springt in 3D-Hinsicht (noch) zu kurz, da das Augenpaar der Kamera keine Parallelaufnahmen zuläßt.

So ist das mit 3D: Es kommt aus der Tiefe des Raumes, ist allgegenwärtig und umschlingt – besonders die Phantasie der Marketing-Strategen. Bis Full HD-Video in 3D bei Ihnen als Filmer angekommen ist, werden Sie noch (hoffentlich) viele schöne Filme in 2D drehen. Von daher können wir bei allem Hype um Avatar & Co. bei 3D erstmal Entwarung geben – und bleiben natürlich am Ball.
 

Ihr Roland Schäfer


Herausgeber

 


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