Editorial CV 3/01: Little Rich Media
Bevor wir uns wieder mal in die Zukunft stürzen, hier eine kurze Begriffsklärung: "Rich Media" bezeichnet die parallele und zeitlich koordinierte Übertragung von Medientypen aller Art -- Video, Audio, Grafik, Text usw. -- auf einer Website in Internet. Gut, jetzt zu den aktuellen Hochrechnungen, jeweils weltweit und den Zeitraum 2000 bis 2004: Internetnutzer mal 2,5 (von 380 Millionen auf 1 Milliarde), Online-Werbeumsatz mal 3 (von 10 auf 30 Milliarden US-Dollar), Anzahl der Websites mit Videostreams verdoppelt ...
Schon ganz gut, meinen Sie? Dann werden Sie jetzt richtig Augen machen ... Videostreams über Breitband: Faktor 8,5 (von 70 auf 600 Millionen); gemessen an den Videostreams, die 2004 insgesamt ausgeliefert werden sollen (ca. 1,5 Milliarden), bedeutet das eine glatte Verdoppelung des Anteils (von 20 Prozent heute auf dann 39 Prozent). Der Wert des Streaming-Content-Marktes soll sich in den vier Jahren verdreißigfachen. Die Anzahl der Haushalte in Westeuropa mit DSL-Anschluß allerdings schießt den Vogel ab: Sage und schreibe 40mal so viele wie 2000, nämlich stolze 14 Millionen, sollen dann breitbandig am Internet hängen -- weltweiter Rekord, denn im Web-Musterländle USA etwa sollen es dann "nur" 8mal so viele sein wie heute.
Nun hören wir schon wieder viele "Hurra!" rufen (besonders jene aus der Streaming-Fraktion), weil sie meinen, "alles" würde dann im Netz besser und schneller gehen als heute, und briefmarkengroße Ruckelvideos gehörten dann "mit Sicherheit" der Vergangenheit an. Hmm ... Ein kurzer Ausflug in das Reich des Denksports: Wenn eine Straße 12x so breit werden muß, damit sie den Verkehr von heute schlucken kann, um wieviel breiter muß sie sein, wenn der Verkehr 40x so stark ist? Was wird Ihrer Meinung passieren, wenn das Mißverhältnis bestehen bleibt? Eben ...
Stimmen die Berechnungen der Marktforschungsunternehmen (obige stammen von der Informa media Group), so muß man kein Prophet sein, um dem Internet für 2004 ähnliche Verbindungsstaus vorherzusagen, wie wir sie heute erleben. Die "Autobahn" DSL ist zwar mit theoretischen 768 Kilobit pro Sekunde immerhin 12mal so leistungsfähig wie heutiges ISDN -- doch einem vierzig Mal so großen Ansturm wie heute kann sie nicht gewachsen sein. Übrigens: Zur Rush Hour freitags um 17 Uhr sind wir froh, wenns bei DSL noch zu ISDN-Nennraten reicht -- keine Spur von 768kbps.
Verstehen Sie uns nicht falsch: Rich Media ist für viele Anwendungen gut und wichtig, etwa für Tele-Learning oder die Börsennachrichten. Da brauchts allerdings weder Vollbildschirmdarstellung noch 25 Bilder pro Sekunde, was zählt, ist die reine Information. Parallele Streaming-Verfahren, bei denen die gesamte Browser-Oberfläche für Zusatzinformationen genutzt werden kann (s. Streaming-Tools-Test im letzten Heft), tun ein übriges, um die vorhandene knappe Bandbreite optimal auszunutzen.
Wer aber heute von "Fernsehen übers Internet" schwadroniert und damit meint, Rich Media werde in naher Zukunft dem etablierten Fernsehen das Wasser abgraben oder es gar komplett ersetzen, der weiß nicht, wovon er spricht. DSL ist kein Allheilmittel für die Bandbreitenprobleme dieser Welt, sondern bestenfalls eine Krücke, wenn auch eine dringend notwendige. Streaming Video wird immer wichtiger, doch es werden in erster Linie schmalbandige Dienste sein oder solche, für die ein Kunde harte Euros oder Dollar zahlt.
Wer also sein Geschäftsmodell auf Rich Media aufsetzt, tut gut daran, die Realitäten nicht aus den Augen zu verlieren und ganz scharf die Anwendung durchzurechnen, die er mit den "reichen Medien" transportieren will -- Streaming Video um seiner selbst willen ist es noch nicht. Sonst wird Rich Media auch 2004 noch das bleiben, was es heute schon ist: nämlich ein "Null-Milliarden-Dollar Markt".
Fröhliches Rechnen wünscht
Ihr Roland Schäfer
Herausgeber ComputerVideo