| Editorial CV
3/07: Über Ökosysteme |
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Wenn die Deutsche Messe – ehrlich gesagt: wie
nicht anders erwartet – wieder einmal „die Wende“ verkündet, weil sie es
geschafft hat, durch die Verteilung von mindestens 50.000 Ein-Euro-Tickets (bei
einem Tagespreis von 38 Euro also quasi gratis) die Besucherzahl der CeBIT auf
10 Prozent über Vorjahresniveau anzusiedeln, so ist das in mehrerer Hinsicht
bemerkenswert. Erstens, weil zuvor tatsächlich die Gefahr bestand, daß die CeBIT
trotz aller Tricksereien unter die 400.000-Besucher-Marke absinken würde.
Zweitens, weil die hauseigene PR-Aussage, man wolle die Trendwende durch
„Rückbesinnung der CeBIT auf ihre Wurzeln“ schaffen, also ihren Charakter als
Fachmesse stärken, nicht treffender ad absurdum hätte geführt werden können, als
durch ebendiese Maßnahme. Denn das so ins Haus geholte Publikum, das ja nicht
aus beruflichen Gründen an die IT-Branche gebunden ist, stellt die Messeleitung
andererseits als den natürlichen Freßfeind des seriösen Fachbesuchers dar; wo
der eine ist, so wird behauptet, fühlt sich der andere nicht wohl und umgekehrt.
Gegeben wird das beliebte Stück „Endkunde gegen Profi“, wobei der Hausherr
diesmal gleich beide Hauptdarsteller sponserte. Die Messe versuchte wieder den
Spagat: den Profi zu ködern, ohne sich die Besucherzahlen, die nun mal zum guten
Teil durch die Laufkundschaft geprägt werden, zu verderben. Ein Spagat aber ist
per se gefährlich: Schon mancher hat sich bei dem Versuch ernsthaft verletzt …
Tatsächlich steht die größte Messe der Welt erst jetzt wirklich am
Scheidewege. Eine reine Fachbesuchermesse käme nach unserer Schätzung auf
vielleicht 200-250.000 Zuschauer in den nurmehr sechs Tagen, die die CeBIT 2008
noch dauern wird. Im Raum steht eine mögliche Halbierung der Zahlen, die ohnehin
schon halbiert sind seit ihren Rekorden; ob das das Ego der
Messeverantwortlichen aushält? Selbst wenn das bejaht würde, wie soll das denn
eigentlich aussehen? Mal ganz praktisch: Vorab-Akkreditierung und „Zulassung“
zur Messe, ein Besucher-TÜV? Einfach albern, weil dann nicht mal die 200.000
kämen. Eine weitere Anhebung der Eintrittspreise? Scheidet aus, weil dann auch
viele Selbständige und Freiberufler wegblieben, die viele Aussteller dringend
als Klientel brauchen. Die PR-Maschinerie so anheizen, daß sie nun ein Jahr lang
flächendeckend nur noch die Losung „Nur für Fachbesucher!“ unters Volk ballert?
Lächerlich und wirkungslos: Die Gewohnheit vieler Menschen, jedes Jahr Mitte
März gen Hannover zu pilgern, würde sich allein dadurch nicht ändern. Eine
Kombination aus allem? Unklug, weil als typisch und gründlich deutsch
verschrieen; was sagen da die Aussteller aus dem Ausland, wenn sie so
gemaßregelt werden? Die Messeleitung, so scheint’s, hat nicht nur die Wahl
zwischen Pest und Cholera, sondern auch noch Typhus.
Liebe Messe AG, es ist doch so: Eure CeBIT ist so, wie sie ist. Sie ist
so geworden, weil ihr es so gewollt habt: ein Sammelbecken so zahlreicher
Interessen, daß sie zwangsläufig widersprüchlich sein müssen. Alles andere wäre
unnormal und ein Wunschtraum. Man kann nicht 800.000 Nur-Profis für neun Tage
lang einkesseln, auch und gerade nicht in Hannover. Man kann andersrum keine
100.000 Profis für nur drei Tage zusammenrufen; das wäre vielleicht eine
Mega-Konferenz, verdiente aber noch nicht den Namen CeBIT. Und schließlich: Ihr
tut so, als wären eure Aussteller alle im b2b-Geschäft, machten ihr Business nur
mit anderen Businessmen. Stimmt aber nicht. Viele davon sind b2c, verkaufen
Produkte direkt an genau die Consumer, die ihr nun verscheuchen wollt. Ob diese
Aussteller weiter kommen werden, wenn ihr ihnen die Klientel vergrault?
Ihr sagt: Die CeBIT muß sich entscheiden zwischen reiner Business- und
reiner Publikumsmesse. Wir sagen: Es gibt einen dritten Weg. Belaßt die CeBIT
doch bitte als das, was sie ist: ein riesiges, buntes, komplexes Ökosystem der
gesamten IT-Branche mit all ihren Widersprüchen, auf der jeder findet, was er
sucht (und nicht nur die Profis). Zu einem solchen Ökosystem gehören – keine
Angst, das ist nur natürlich und NICHT ansteckend! – auch die „Endkunden“. Denn
wo wäre die Branche ohne sie? Nirgends. Wenn manche Aussteller schimpfen über
zuviel Publikumsverkehr, laßt sie doch ziehen! Zwingt einen ja keiner, auf der
CeBIT auszustellen. Schmeißt nicht mehr zigtausende von Freikarten unters Volk;
verfallt nicht in Panik. Bleibt gelassen. Alles wird gut. Und last not least:
Ihr wollt doch schließlich die größte Messe der Welt bleiben – oder?
Ihr Roland Schäfer
Herausgeber ComputerVideo