Editorial CV 3/08:

Ganz großes Kino
Ferrari

 

Stellen Sie sich mal vor, Sie wären auf der Automesse IAA, und ein cooler Unbekannter böte Ihnen den kommenden Ferrari zum Kauf an. Er existiere zwar derzeit nur als Designstudie, Auslieferung erst in zwei bis drei Jahren, dann aber werde es garantiert die tollste Kiste sein, die die Straße je gesehen habe: direkt aus Maranello und frei Haus, Leistung um die 1.000 PS, Listenpreis dann je nach Sonderausstattung ab 500.000 Euro aufwärts. Tja, und nur 50.000 Euro wolle er dafür haben - die aber natürlich sofort. Doch doch, er werde das gute Stück auch ganz bestimmt liefern, Ehrenwort, und es werde das tollste… Da lachen Sie doch mal kurz und trocken auf, tippen sich an die Stirn und lassen den guten Mann einfach stehen, oder? Bestenfalls geben Sie Ihrem Kumpel bei der Polizei oder dem Staatsanwalt den Tip, er solle sich das zwielichtige Angebot doch mal näher ansehen und diesen unseriösen Zocker aus dem Verkehr ziehen. Denn ein solches Angebot kann ja dem gesunden Menschenverstand nach gar nicht seriös sein.

Der gesunde Menschenverstand: Genau der hat gerade mal wieder grandios versagt. Denn was so ein Typ namens Jim Jannard, seines Zeichens 2005 der Gründer der kalifornischen Red Digital Cinema Camera Company, da gerade weltweit durchgezogen hat und durchzieht, das entspricht – auf die Welt der Filmer übertragen – unserem Ferrari-Angebot bis aufs i-Tüpfelchen. Jannard ging vor genau zwei Jahren auf der US-Broadcastmesse NAB in Las Vegas an die Öffentlichkeit mit nichts als dem Versprechen, die tollste digitale Filmkamera zu bauen, die die Kinowelt je erlebt hätte. Absolute Hollywood-Qualität, vergleichbar 35mm Film. Zeigen konnte er nichts außer einer Designstudie aus dem Computer, aber ja, er würde in zwei Jahren liefern, ganz bestimmt. Und die Kamera koste – wie der Ferrari – mit 20.000 US-Dollar nur ein Zehntel dessen, wobei die Dinger normalerweise erst anfangen. Ach ja: Wer das Wunderding haben wolle, der solle natürlich gleich mal die 20.000 zahlen. Bitte unterschreiben Sie hier…

Glauben Sie’s oder nicht: Die Welt unterschrieb. Dutzende, Hunderte, mittlerweile Tausende glaubten Jannard seine Story tatsächlich und unterschrieben. Die Geschichte des Mannes ist selbst schon wieder hollywoodreif: die des mutigen Newcomers, der als Rebell eine etablierte Branche aufmischt. Die Red One – so taufte Jannard sein Phantom-Baby – schaffte es 2007 von Null auf Platz Eins der Charts der weltweit verkauften Kinokameras. Seit Ende letzten Jahres wird sie in Stückzahl ausgeliefert, die ersten sind seit Jahresbeginn auch in Deutschland im Dauereinsatz. Das Ding ist so heiß, daß die komplette Jahresproduktion 2008 bereits ausverkauft ist: Wer heute bestellt, bekommt seine Red One im Frühjahr 2009. Bitte ziehen Sie eine Wartemarke…

ComputerVideo-Leser müssen nicht warten: Wir hatten die seltene Gelegenheit, eine der ersten Red One auf deutschem Boden (Bestelldatum: April 2006) unter die Lupe zu nehmen, mit ihr zu filmen, die Qualität zu vergleichen. Wohlgemerkt: Als Report, nicht im Rahmen eines regulären Tests – da läuft sie völlig außer Konkurrenz. Denn 25.000 Euro für eine drehfertige Kamera, wiewohl gerechtfertigt, sind ein Preis, der das Budget des typischen CV-Lesers doch deutlich sprengen dürfte. Dennoch, Hand aufs Herz: Wer setzt sich auf so einer Automesse nicht mal gern in den neuen Ferrari, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet – selbst wenn er privat den Volkswagen fährt? Man wird ja noch träumen dürfen… Seien Sie gespannt auf einen außergewöhnlichen Bericht über eine außergewöhnliche Kamera (ab Seite 16).

Übrigens, es war just wieder NAB. Raten Sie mal, wer auch dort war: Jim Jannard mit Red. Und stellte seine zweite Kamera vor, Codename: Scarlet. Bei Redaktionsschluß war noch nichts bekannt, außer: ganz großes Kino im Mini-Format – 35mm-Qualität für die Hosentasche. Hmm… Warum haben wir nur das Gefühl, daß der Mann auch diesmal nicht blufft?

Viel Spaß bei der Lektüre dieser CV wünscht

 
Ihr Roland Schäfer

Herausgeber


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