Editorial CV 3/10:

Früher war alles besser – oder?
  

Was waren das noch für Zeiten, als Camcorder noch Camcorder waren: Da hatte man „wenigstens was in der Hand“. Für jede Funktion gab’s einen ordentlichen Knopf in Fünfmarkstückgröße direkt am Gehäuse, und „Menü“ war ein Begriff aus dem Wirtshaus. Die Schärfe wurde händisch am Objektiv gezogen. Der Bildstabilisator funktionierte nicht optisch und schon gleich dreimal nicht elektronisch, sondern mechanisch: Man nannte ihn „Stativ“. Aufnahmemedien hatten nicht die Größe von Briefmarken, sondern von Schuhkartons: äußerst praktisch fürs Wiederfinden! Oder haben Sie schon mal gehört, daß jemand eine U-matic-Kassette verloren hätte? Ob ein Gerät eingeschaltet war, war keine Frage, schließlich gab es ja Betriebsgeräusche mit der Phonzahl einer startenden Concorde von sich. Bänder jedweder Couleur standen hübsch ordentlich im Regal, immer zum sofortigen Zugriff bereit (hey, Random Access!); wer sie umkopieren konnte, mußte sich über die Archivierung keine Gedanken mehr machen. Und Ordner hießen nicht „C:\Dokumente und Einstellungen\Username\Eigene Dateien\Eigene Videos\AVCHD\Fertige Projekte\Ostern_2010“, sondern hörten auf den schlichten Namen „Leitz“. Ach ja, früher war doch alles besser…

Okay, Sarkasmus-Mode off: Ab und zu melden sich tatsächlich (noch) Anrufer in der Redaktion, die in die oben geschilderte Richtung tendieren. Gleichwohl freuen sie sich über HD-Auflösung und die Annehmlichkeiten der nonlinearen Nachbearbeitung. Hmm. Sie sollten wissen, daß solche Äußerungen die Redaktion mit schöner Regelmäßigkeit in eine 3-Minuten-Sinnkrise stürzen: Was tun wir hier eigentlich? Wie lange singen wir jetzt in diesem Magazin das Hohelied der digitalen Videoaufnahme und -verarbeitung – 13 Jahre? Wollen wir wirklich zurück zu den oben geschilderten Tagen?

Wenn wir dann ganz, ganz ehrlich sind zu uns selbst, stellen wir jedes Mal fest: Nein, wir wollen es nicht. Sicher, die aktuelle Technologie hat ihre eigenen Tücken und zudem einen ganzen Sack neuer Probleme aufgeworfen, auf die wir gut und gerne verzichten könnten. Dennoch: Digital Video ist einfach praktisch. Einfache Videos sind ruck, zuck überspielt, geschnitten und verteilt; anspruchsvollere Projekte haben kreative Optionen, von denen „damals“ nicht mal professionelle Anwender zu träumen gewagt hätten, geschweige denn private. Klar, es ist nicht leicht und aufwendig, sich das Basiswissen anzueignen und auf der Höhe der Zeit zu bleiben. Doch wer einmal die kreative Freiheit erfahren hat, die moderne Camcorder und Nachbearbeitungs-Tools dem Filmer schon „by design“ bieten, möchte sie nicht wieder missen. Übrigens: Das rufen wir dann dem eingangs geschilderten Anrufer ins Gedächtnis, und in aller Regel ist sein Anflug von Video-Nostalgie dann auch schon wieder wie weggeblasen…

Zudem freut es uns, daß unsere jahrelangen Hinweise auf bestimmte Features (bzw. ihr Fehlen) nun auch an anderer Stelle Früchte tragen, Stichwort 2010er Kollektion bei den Camcordern. Erfreut – und auch ein wenig überrascht – stellen wir fest, daß die Hersteller begonnen haben, (wieder) Weitwinkel in ihren Modellen zu realisieren, die den Namen verdienen; daß wichtige Features wie der Weißabgleich (wieder) ihren eigenen Button außen auf dem Gehäuse bekommen und eben nicht mehr auf der vierten Ebene eines Fitzel-Menüs verbuddelt werden usw. Die beiden großen Vergleichstests aktueller AVCHD-Camcorder ab S. 18 in diesem Heft legen Zeugnis ab über diesen Sinneswandel. Ab und zu regiert zwar doch der Rotstift, oder der Hersteller traut seinem Kunden die einwandfreie Bedienung nicht zu und verbannt das Feature zurück ins Menü; doch unterm Strich stimmt die Richtung, und wir sind gespannt, ob die Industrie das hohe Tempo der letzten Monate halten kann.

Wissen Sie was: Rufen Sie am besten einfach weiter an, und sagen Sie uns, welche Features „von früher“ Sie bei heutigen Geräten sonst noch vermissen. Wir werden Ihre Rückmeldungen diskutieren, bündeln und dann en bloc an die Hersteller weitermelden. Denn, um die Phrase zu bemühen, „früher war nicht alles schlecht“, sicher auch nicht zu Zeiten der Dampf-Videografie. Vielleicht stoßen wir mit unseren Bemühungen dann ja wieder auf offene Ohren. Es ist halt immer noch der stete Tropfen, der den Stein höhlt. Ganz so „wie früher“, nicht wahr?

Viel Spaß bei der Lektüre dieser CV wünscht

Ihr Roland Schäfer


Herausgeber

 


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