Editorial CV 4/01: Die Wüste lebt

 

Platt liegt Las Vegas in der Wüste von Nevada, wo die Sonne die Luft gnadenlos aufheizt, und heiße Luft bläht bekanntlich gewaltig. Seitdem sie geplatzt ist, die große Internetblase, an den Börsen und anderswo, da trumpfen auf den Broadcastmessen wie jüngst jener der "National Association of Broadcasters" wieder die Produkte auf. Die NAB war — ganz anders als im Vorjahr, wo die heiße Luft und bisweilen blinder Aktionismus in Sachen Video übers Internet der Messe ihren Stempel unübersehbar aufgedrückt hatten — von erfrischender Nüchternheit geprägt. "Back to business", auf dieses Motto schienen sich die Aussteller verabredet zu haben. War noch im Vorjahr kein Ziel zu kühn, keine Zukunftsphantasie zu gewagt, so haben sich die Hersteller der Fernseh- und Studio-Branche auf das besonnen, was sie am besten können: Innovationen austüfteln und implementieren, sie als Produkte durchsetzen, Arbeitsabläufe optimieren, Geld verdienen.

Ist Streaming Video also tot? Mitnichten — es riecht nur komisch. Beinahe verschämt wiesen in Las Vegas manche Hersteller auf die mittlerweile beachtlichen Internetfähigkeiten ihrer Produkte hin, so als fürchteten sie, dadurch in allzu große Nähe jener Startups gerückt zu werden, die, noch vor Jahresfrist hochgejubelt, in der Folge des Börsencrashs den Bach heruntergegangen sind. Nein, Streaming Video ist quietschfidel: Es ist zur Basistechnologie geworden, so wie das Web selbst zur Basistechnologie geworden ist: Streaming — aber logisch, sowieso, na klar! Die Broadcast-Industrie, wie alle anderen zurück auf dem Boden der Tatsachen, hat Streaming endlich zu dem gemacht, was es immer schon war: zu einem weiteren Ausgabeformat, einer weiteren Möglichkeit, mediale Inhalte zu verbreiten und auszuwerten. Nicht mehr, nicht weniger.

So verwundert es nicht, daß die Streaming-Funktionalität in atemberaubender Geschwindigkeit zuerst von den Nachbearbeitungssystemen aufgesogen wurde. Die Editingprodukte großer wie kleinerer Hersteller können heutzutage streamen, Sonys neues Profi-NLE XPRI (s. News) ebenso wie Pinnacles Einsteiger-Software StudioOnline. Auch wenn die Bandbreiten noch nicht so üppig sind, wie sich das alle gern wünschen: Video übers Internet hat seinen festen Platz in den Köpfen eingenommen, ist aus dem Nutzungsverhalten nicht mehr wegzudenken. Jetzt geht es darum, die neue Technik "breit" zu machen: Wie läßt sich die Interaktivität des Rechners so sinnvoll mit dem Medium Video verknüpfen, daß daraus neue Anwendungen, vielleicht sogar "Killerapplikationen" entstehen? Kleines Indiz am Rande, aufgelesen auf der NAB-Pressekonferenz von Sony: Man will künftig jedes Gerät — Consumer- wie Broadcast-Produkt — mit einer IP-Adresse ausstatten. Damit wird prinzipiell jedes Sony-Gerät per Internet-Protokoll über einen Standard-Browser adressierbar — Streaming, ick hör dir trapsen.

Nun ist Las Vegas nicht nur eine Wüsten-, sondern auch die Spielerstadt par excellence. Spieler sterben nicht aus, und in der Broadcastbranche wird ohnehin gern mit allen Tricks und doppelten Böden gearbeitet. Wenn ein Stunt oder ein Bluff mal danebengeht (wie jüngst im Internetsektor), so erfindet sich die Branche halt wieder einmal neu, und wenn’s nur durch die Rückbesinnung auf alte Tugenden ist, in diesem Fall auf die Produkte. Neues Spiel, neues Glück — die Wüste lebt, auch beim Streaming.

Happy gambling!

Ihr Roland Schäfer
Herausgeber ComputerVideo

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