| Editorial
CV 4/02: Small is beautiful |
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Fußball ist unser Leben: Für eine ganze Reihe von Medienschaffenden wird der Schlachtruf dieser WM-Tage auf eine völlig neue Art zur bitteren Wahrheit: für jene nämlich, die direkt oder indirekt von Leo Kirch abhängig sind bzw. waren. Jetzt mußten nach einigen der Tochterfirmen im April und Mai auch die Muttergesellschaft Taurus Holding sowie die Kirch Beteiligungs-GmbH den Gang zum Insolvenzrichter antreten. Der Handel mit den überteuerten Übertragungsrechten für Bundesliga, Formel Eins und ähnliche Sport-Megaveranstaltungen ist schließlich neben dem chronisch defizitären Bezahlfernsehen Premiere einer der Hauptgründe, warum ein Milliardenimperium in Windeseile in einem Milliardengrab versank.
Welche der Unternehmen aus dem undurchsichtigen Firmenverbund überleben werden, stellt sich wohl erst dann heraus, wenn die Insolvenzverwalter den Kirch-Firmendschungel quasi mit der Machete gelichtet haben. Zwar ist derzeit viel von den profitablen Filetstücken aus dem Konzern zu lesen, nach denen sich potentielle Investoren und Bietergemeinschaften angeblich die Finger lecken. Wir geben jedoch zu bedenken: Auch Filet ist nur Fleisch, und das stinkt bekanntlich zum Himmel, wenn es zu lange in der Sonne liegt. Und dieser Sommer soll richtig schwülheiß werden ...
Der Marktwert von Pro Sieben, SAT1 und Co. wird demnach immer rapider sinken, je länger die Situation ungelöst bleibt. Für die Festangestellten und besonders für die zahllosen Freiberufler, Studios und sonstigen Zulieferer von Filmen, Dokumentationen und Trailern bedeutet das nichts Gutes. Sie sind in den letzten beiden Jahrzehnten im Gefolge der Privatsender wie Pilze aus dem Boden geschossen, haben kräftig eingestellt und vor allem investiert: in Broadcast-Technologie.
Nun stehen sie da, all die teuren Paintboxen und Highend-Schnittplätze, in München-Unterföhring und anderswo, und die Banken pochen auf die Ratenzahlungen. Nur könnte es eben sein, daß die Aufträge in Bälde versiegen, die zur Amortisation der Geräte dringend gebraucht werden, weil es schlichtweg deutlich weniger Sender oder Programmplätze gibt, die das Material noch abspielen könnten.
Was lernt uns das, wie es so schön falsch heißt? Erstens, daß die Kirch-Krise nicht nur die existierende Krise der gesamten Medienlandschaft verstärkt, sondern eine ganz eigene auslösen könnte, mit den üblichen Folgen (noch härtere Konkurrenz unter den freien Studios; noch mehr Pleiten und arbeitslose Kreative; gebrauchtes Highend-Equipment zu Niedrigpreisen usw.). Weiter, daß die Broadcast-Hersteller ein Problem haben, und zwar kein kleines. Und drittens, daß "Small is beautiful" heute mehr denn je seine Berechtigung hat: Studios und Freie, die auf preiswertem Gerät an Standard-Rechnern produzieren, sind flexibler und können preiswerter produzieren als ihre Kollegen im proprietären Millionen-Euro-Studio. Es sind die kreativen Ideen, die zählen die Werkzeuge zu ihrer Umsetzung haben schon längst die niederen Preissegmente erreicht und sind zudem broadcasttauglich.
Im Videoschnitt finden Sie dieses preiswerte Equipment auch weiterhin in ComputerVideo. Die große Marktübersicht in der letzten Ausgabe machte 30 Schnittprogramme vergleichbar, in diesem Heft sind es 25 DVD-Authoring-Programme. In CV 5/02 werden es die preiswerten Schnittkarten mit DV- und Analogeingängen sein, mit denen sich (im Verein mit ordentlicher NLE-Software) häufig sendereifes Material produzieren läßt. Wer die Fähigkeit hat, kreativ zu filmen, schlüssig zu schneiden und profigerechte Arbeit abzuliefern, kann heute schneller denn je sein Hobby zum Beruf machen. Das nennen wir mal eine "Demokratisierung der Medien"!
Happy Editing!
Ihr Roland Schäfer
Herausgeber ComputerVideo