| Editorial CV
4/05: "Konsumenten aller Länder, vereinigt euch!" |
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Es gibt ja nicht wirklich oft Gelegenheiten, zu dem einem Wunschvorstellungen durchs
Hirn schießen wie diejenige in unserer heutigen Schlagzeile. Zum einen ist die
Vorstellung per se selbstverständlich vollkommen absurd, daß sich eine so heterogene
Masse wie der moderne Verbraucher, über alle Grenzen von Nation, Geschlecht, Religion,
sozialem Status und so weiter zu einem bestimmten Sinn und Zweck zusammenfände,
welchem auch immer. Zum zweiten verbietet sich ein solches Ansinnen angesichts des
historischen Vorbildes quasi von selbst: Der gute alte Karl Marx hatte seinerzeit anderes
im Sinn als das Problem, was seine Leute kauften -- ob sie was zu
kaufen, sprich: zu beißen hatten, war schon eher sein Anliegen.
Nichtsdestotrotz bietet die Videobranche in regelmäßigen Abständen Gelegenheiten, die geradezu nach einer konzertierten Aktion der aufgeklärten Verbraucher in aller Welt schreien. Sie wurzeln zumeist im handfesten, in Gewinnerzielungsabsicht geführten Streit um Standards. Das klassische Szenario: Zwei Firmenkonsortien (Duellsituation!) stehen sich unversöhnlich gegenüber (Drama!), jedes versucht, der Welt „seine“ Technologie als Standard aufzudrücken -- auf dem Rücken der Verbraucher. So war’s in den Siebzigern bei VHS gegen Betamax, wo sich bekanntlich das schlechtere Format durchsetzte; das unterlegene verschwand in der Versenkung. So war’s in jüngerer Zeit bei DVD-R gegen DVD+R, wo sich zunächst jahrelang die Käufer ärgern durften, weil sie nun doch falsche, zu „ihrem“ Format inkompatible Rohlinge aus dem Regal gezogen hatten. Als der Industrie Ärger und Verluste zu groß wurden, zauberte sie urplötzlich -- Wunder über Wunder und entgegen aller vorherigen Beteuerungen -- dann doch einen Kompromiß aus dem Hut. „DVD Plusminus“ ward geboren, der Streit ad acta gelegt, und der Verbraucher fragt sich wie üblich: „Na also, warum nicht gleich so?“
Das jüngste Schmierenstück dieser Art heißt „Blu-ray gegen HD-DVD“, es geht um den hochvolumigen Nachfolger der DVD (vgl. S.12). Wen wundert’s: Es folgt den gleichen Ursprüngen und Gesetzen wie seine Vorgänger. Zwei Firmenlager (Duell!) kommen auf unterschiedlichen Wegen zum Ziel. „Unvereinbar“ seien die beiden Technologien, ein Kompromiß ausgeschlossen. Dann, in quasi letzter Minute, trifft man sich doch zu Konsensgesprächen, frei nach dem Motto: „Es wäre doch besser für alle, wenn…“ usw. usf. Nun wieder Auftritt Verhandlungsführer Toshiba: „Reine Zeitverschwendung“ seien die Gespräche (Drama!), die Gegenseite wolle nicht kooperieren. Jüngste Entwicklung: Das japanische Handelsministerium Meti, quasi die „Übermutter“ aller Nippon-Konzerne, fährt zwischen die Streithähne, will einen Kompromiß erzwingen...
Wollen wir wetten, daß die einen finden und ihn salbungsvoll der Welt präsentieren werden? Wir haben schon das Bild vor Augen (und zahllose identische Bilder in unserem Fotoarchiv…): lächelnde Herren in gedeckten Anzügen auf irgendwelchen Podien, Händeschütteln, Schulterklopfen… „Herr, laß Hirn regnen, und zwar rechtzeitig!“ ist man versucht auszurufen. Denn es ist ja so: Die meisten Basistechnologien für die kommenden Jahrzehnte liegen bereits fix und fertig in den Schubladen und Laboren. Hätten die Firmen echten Druck, käme es bereits im Vorfeld zu intensivierter Forschung, zu Konsensgesprächen und klaren Roadmaps.
An eben dieser Stelle wird klar, welch eine Macht eine konzertiert geäußerte Willensbekundung der Käufer in aller Welt à la „Wir kaufen nur noch, was alle mittragen“ hätte. Sie würde als Katalysator wirken, die Markteinführung leistungsfähiger Technologien beschleunigen, Fehlentwicklungen vermeiden helfen. Wie eingangs erwähnt: leider eine vollkommen naive und unrealistische Hoffnung. Aber man wird doch noch träumen dürfen, die Gedanken sind schließlich frei -- oder?
Eine anregende Lektüre wünscht
Ihr Roland Schäfer