| Editorial CV
4/06: Respekt |
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Machen wir uns nix vor: Wir
Journalisten sind, quer durch alle Zeiten und über alle Fachgebiete hinweg, als
unverbesserliche Kritikaster und Miesmacher verschrieen, als Krittler und Grattler, die
nur und erst dann zufrieden sind, wenn sie das berüchtigte Haar in der Suppe gefunden
haben. Und was soll ich Ihnen sagen: An dieser Einschätzung ist jedes Wort wahr. Gründe
für diese bisweilen schon zwanghafte Suche nach dem Fehler mag es viele geben; durchaus
möglich, daß hier bei manchem noch die Wunschvorstellung vom heldenhaften,
investigativen Journalisten à la Woodward und Bernstein durchschlägt, der „die
Mächtigen erzittern“ läßt und schonungslos „die Wahrheit“ hinter den (zahllosen)
Marketingsprüchen vom allein seligmachenden Produkt aufdeckt. Doch die
Unterhaltungselektronik ist bekanntlich nicht Watergate, und wer bei jeder passenden und
unpassenden Gelegenheit die große Keule auspackt, hat ganz einfach seinen Beruf verfehlt.
Einen großen, strukturellen Vorteil hat der Journalist in unserer
Branche allerdings gegenüber Otto Normalanwender: Er wird – unmittelbar vom Verlag,
mittelbar vom Leser – dafür bezahlt, Produkte auf Herz und Nieren zu testen und seine
Erkenntnisse mitzuteilen. Wer nicht ganz auf den Kopf gefallen ist, erarbeitet sich so mit
der Zeit ein ordentliches Maß an Erfahrung, wo die Schwachstellen liegen könnten, was
wie wann wo mit wem harmoniert oder abstürzt, und wo Sollbruchstellen sind. Dann ist es
recht und billig, das Kind beim Namen zu nennen und den Hersteller aufzufordern, Abhilfe
zu schaffen. Diese Kontrollfunktion der Fachpresse ist bei den Herstellern weitestgehend
akzeptiert (schwarze Schafe gibt’s im übrigen auf beiden Seiten – hey, ihr wißt, wer
ihr seid!), und zwar schon allein deshalb, weil’s der Produktpflege dient. Schließlich
stellt der Großteil der Produkte lediglich eine inkrementelle Verbesserung zu ihren
direkten Vorgängern dar, ein wenig Modellpflege hier, ein neues Softwarefeature dort;
unabhängige und zudem kostenlose Kritik in der Sache ist da durchaus willkommen.
Manchmal allerdings und leider viel zu selten kommt’s dann doch zu
einer entwicklerischen Sternstunde. Da wird wie aus heiterem Himmel ein Produkt der
Öffentlichkeit vorgestellt (oder gar ohne viel Aufhebens in die Redaktion zum Testen
geschickt), das bis dato einzigartig ist, das Unerhörtes vollbringt. Das die
Produktgeschichte teilt in eine Periode vor und eine nach ihm. Das einen Meilenstein der
Ingenieurskunst darstellt und die Maßstäbe neu definiert. Kurzum: das ganz einfach
allseitigen Respekt verdient, auch und – siehe oben – gerade den der Fachpresse.
Und daher beginnt CV mit dieser Ausgabe etwas Neues. Etwas, das wir Ihnen
schon seit langer Zeit hatten präsentieren wollen, wozu allerdings lange das Wichtigste
fehlte: das geeignete Produkt. Aber nun, CV proudly presents: den „ComputerVideo Respect
Award“. Eine Auszeichnung für Hard- und Softwareprodukte, mit der wir als Redaktion
eines der führenden deutschsprachigen Videofachmagazine den Hut vor dem Produkt ziehen
und seinen Ingenieuren den Respekt zollen, den sie für dieses Produkt verdienen. Nicht
mehr, nicht weniger. Nach langer Durststrecke lieferte uns die Industrie nun gleich drei
Produkte, die sich für diese Premiere qualifizieren: Lesen Sie ab S.22, warum sich die
Sony HDR-HC3 unseren Respekt, und ab S.26, warum sich die Panasonic AG-HVX200 den Award
verdient hat. Wer nun glaubt, daß nur große Namen unsere Hochachtung erlangen, der
blättere bitte zu Seite 66: Dort finden Sie einen Workshop zu einem Progrämmchen mit dem
unscheinbaren Namen „Wax“, das ein Programmierer im Alleingang entwickelt, kostenlos
verteilt und sich inzwischen einer großen Fangemeinde erfreut – Respekt! Gewiß, sie
alle sind gewiß nicht fehlerfrei, haben vielleicht noch die eine oder andere
Kinderkrankheit, mag sein. Die werden die durchaus kritikfreudigen und -fähigen
CV-Autoren selbstredend auch weiterhin aufspüren. Dennoch: Unterm Strich ist jedes für
sich ein großer Wurf, eine entwicklerische Glanzleistung, die unseren Respekt verdient.
Und das sollte und mußte mal gesagt werden. Glückwunsch also von der gesamten
CV-Redaktion!
Apropos, liebe Hersteller: Wenn ihr meint, ihr müßtet uns das
nächstbeste Update oder die designerische Runderneuerung eures Vorjahresproduktes nun
unbedingt als Kandidaten für den Respect Award andienen, dann freut euch mal nicht zu
früh. Denn wir werden mindestens so sparsam mit dem Award umgehen, wie ihr mit den
Meilensteinprodukten. So kann es durchaus sein, daß der Award mal ein halbes oder ein
Jahr lang überhaupt nicht vergeben wird – wir haben da keine Eile. Versteht sich zudem
von selbst, daß nicht jeder Testsieger automatisch auch den Award bekommt. Wo kein
Produkt, das im Wortsinn unseren Respekt verdient, gibt’s halt auch keinen Respect
Award. Nehmt es einfach als Herausforderung, den Kunden mehr wirklich herausragende
Produkte zu liefern. Zeit wär’s …
Happy Respect Award-Spotting wünscht
Ihr Roland Schäfer