Editorial CV 5/06:

Akute Messeritis
 Messeritis

Was zahlen Sie eigentlich so an Miete? Wenn Sie kein Haus- oder Wohnungseigentümer sind, dürften das so zwischen 2 Euro pro Quadratmeter – 100 qm für 200 Euro, das gibt’s wirklich, mitten in Deutschland! – und 30 Euro/qm für das Super-Luxus-Penthouse in Spitzenlage sein. Dafür dürfen Sie dann auch einen ganzen Monat lang kalt darin wohnen und Parties feiern, bis der Arzt kommt.

Von solchen Freiheiten und vor allem: von solchen Preisen können Marketing-Verantwortliche, die ihr Unternehmen auf einer Messe präsentieren wollen, nur träumen. Wenn jetzt im September das Messe-Stakkato aus IFA, IBC und Photokina (s. Veranstaltungen S. 16) die Branche auf Trab hält, kostet schon der billigste Quadratmeter nackter Hallenfläche auf dem Berliner Messegelände inkl. der Zuschläge exakt 146,20 Euro, netto wohlgemerkt. In Köln sind’s schon 150,55 Euro. Da ko­stet dann ein 100qm-Stand schon 7- bis 70mal soviel wie Ihre Wohnung, und das nicht für einen Monat, sondern nur für ein paar Tage. Den Vogel schießt freilich die Broadcastmesse IBC in Amsterdam ab, die mit 33.000 Euro für die 100qm kurz mal eben das Doppelte verlangt. Dagegen nimmt sich der Messepreis-Spitzenreiter in Deutschland, die CeBIT, mit seinen 211 Euro/qm schon fast wie ein Schnäppchen aus ...

Nach der Buchung der Fläche geht’s erst richtig los mit den Kosten: Erstmal rechnet der Messebauer gut und gerne nochmal die gleiche Summe für den Standbau ab. Dann wollen Flüge für das Standpersonal und Hotels gebucht, Reisekosten übernommen, Promoter geordert, Einladungen verschickt und Prospekte gedruckt werden. Und von wegen Party: Der Arzt kommt höchstens noch, weil der Budgetverantwortliche in Ohnmacht fällt, wenn ihm die Messegesellschaft die Standparty-Rechnung präsentiert. Das Messewesen leidet hierzulande unter der gleichen Krankheit wie das Gesundheitswesen: Ko­stentreiberei allerorten, und keine Besserung in Sicht.

Kein Wunder also, daß die Firmen sich jede Messebeteiligung dreimal überlegen, die Standgrößen zurückschrauben oder gleich ganz verzichten. Hätten Sie gedacht, daß es jemals eine IFA ohne Sony geben würde? Willkommen in 2006. Selbst viele der Großen gehen auf IFA oder Photokina, aber nicht auf beide; oder sie buchen auf der anderen Messe nur eine Alibipräsenz. Klare Sache: Wenn sich die Zahl der Messen verdoppelt, verdoppelt sich nicht automatisch das Marketingbudget. Unterm Strich bleibt’s ein Nullsummenspiel, selbst wenn sich innerhalb der Budgets die Gewichtungen verschieben.

Sicher, so ein Messestand ist eben keine Wohnung, und für viele Firmen rechnet er sich trotzdem, weil dort ja schließlich Kaufentscheidungen gefällt und Umsätze generiert werden. Doch auch der potentielle Besucher hat nicht plötzlich mehr Geld in der Tasche. Daher ist es nur konsequent, wenn sich manche Hersteller grundsätzliche Gedanken machen – und ihre eigene Messe starten. Lieber eine kleine, konzentrierte Hausmesse oder Roadshow, wo die Kosten überschaubar sind und man den Kunden ganz für sich allein hat (die DSM ist so ein Beispiel, s. S. 16), als eine oder gar mehrere Mammutmessen, wo der Besucher vor lauter Ablenkung nicht mehr zum Stand findet. Das treibt die Messeritis zu neuen Höhen: Selten war der CV-Veranstaltungskalender so voll wie in diesem Herbst. Wir können Ihnen nur raten: Wählen Sie ganz genau aus, welcher Messe Sie Ihre wertvolle Zeit schenken, und vergewissern Sie sich zuvor anhand der Aussteller-Suchmaschinen auf den Messewebseiten, ob „Ihre“ Zielaussteller tatsächlich dort vertreten sind. Viele der für Videofilmer wichtigen News finden Sie schon vorab in diesem Heft (ab S. 6).

In den USA dreht der Trend übrigens schon wieder: Die Frequenz großer Messen nimmt ab. Jetzt hat es nach der Computermesse Comdex 2004 die E3 erwischt; die zentrale US-Spielemesse in Los Angeles wird ab 2007 von der Mega-Party zur Business-Konferenz zurückgestuft. Grund: Wichtige Aussteller verweigerten ihr die Gefolgschaft – und das, obwohl der Quadratmeter Hallenfläche dort „nur“ rund 194 Euro kostet. Was die wohl erst zu den IBC- und CeBIT-Preisen sagen würden?

Ein frohes Messe-Rosinenpicken wünscht

Ihr Roland Schäfer

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