Editorial CV 5/07:


 
Neandertaler

Als vor rund 200.000 Jahren der Neandertaler begann, das Tal der Düssel und den Rest Europas zu durchstreifen, da wußte er noch nicht, daß ihm das üppige Angebot an tierischen Schnäppchen, das ihm der altsteinzeitliche Mittagstisch bot, nur begrenzt helfen würde: Kaum 170.000 Jahre später war er ausgestorben und mußte das Feld seinem schlaueren Nachfahren räumen, dem Homo sapiens, dem „wissenden“ Menschen. Wieviel dieser Schlaufuchs genau wußte und weiß, sei hier mal dahingestellt, allein: Ein Wissen hat sich seitdem aus irgendeinem Grund offenbar so tief ins kollektive Stammhirn der Menschheit eingefressen, daß es nur schwer aussterben wird: nämlich daß Geiz geil sei.

So durchstreift denn der Homo sapiens geizistgeilensis von heute die virtuellen Täler des Internet auf der Jagd nach Schnäppchen, schnuppert mal hier an einem Angebot, erspäht dort ein Produkt beim Händler, doch gekauft wird immer nur dort, wo’s am billigsten ist. Qualität – egal, Gewährleistung – egal, Beratung nach dem Kauf – egal: Hauptsache billig. So viel ist jedenfalls belegt durch die jüngere Forschung über das ausgehende zweite Jahrtausend A.D. und den Übergang zum dritten.

Nun aber scheint die Evolution erneut zugeschlagen zu haben und die Gattung Mensch gentechnisch gehörig durchzumischen. Denn es wurden Exemplare gesichtet, die widerstandsfähig gegenüber dem weltweiten Billig-Zwang zu sein scheinen, die sich wieder Qualität und Service zuwenden und sogar bereit sind, dafür einen angemessenen Preis zu zahlen. Noch ist das Bewußtsein wenig ausgeprägt und die Population des Homo sapiens qualitensis zahlenmäßig in der Minderheit. Doch es mehren sich die Anzeichen, daß daraus eine eigene Art entstehen könnte, die sich mittelfristig vom Billigheimer abspalten wird. Einiges spricht dafür, daß sich beide Gattungen über längere Zeit parallel entwickeln werden, so wie seinerzeit Neandertaler und Homo sapiens koexistiert und sich ausgetauscht haben (nach heutigen Erkenntnissen immerhin rund 6.000 Jahre lang). Überlebt hat freilich – bisher jedenfalls – nur der Wissende Mensch, und der Neandertaler endete in der evolutionären Sackgasse.

In der Videobranche kann der neue Trend derzeit übrigens durch zahlreiche Funde in Internetforen belegt werden, in denen sich Teilnehmer über schlechten oder gleich ganz fehlenden Service beschweren und Produkte, die sie vermeintlich superbillig erworben haben, massenhaft an Hersteller und Verkäufer zurückgeben, weil sie weder den Anforderungen noch den Anpreisungen entsprechen. Wer zu billig kauft, den bestraft das Leben; wer zu billig verkauft, für den gilt das gleichermaßen, denn die Kundschaft straft ihn irgendwann mit Mißachtung. Wir sind gespannt darauf, ob und wie sich diese Erkenntnis bei der jetzt anstehenden IFA in Berlin Bahn brechen wird (s. News und großer Vorbericht ab S. 22).

Als Kronzeuge für die langsame Hinwendung zur Qualität darf übrigens ein gewisser John Ruskin gelten. Seine Erkenntnis sei hier wegen ihrer Klarsicht in voller Länge wiedergegeben: „Es gibt kaum etwas in der Welt, das nicht irgend jemand ein wenig schlechter machen kann und etwas billiger verkaufen könnte. Und die Menschen, die sich nur am Preis orientieren, werden die gerechte Beute solcher Machenschaften. Es ist unklug, zuviel zu bezahlen, aber es ist noch schlechter, zu wenig zu bezahlen. Wenn Sie zuviel bezahlen, verlieren Sie etwas Geld, das ist alles. Wenn Sie dagegen zu wenig bezahlen, verlieren Sie manchmal alles, da der gekaufte Gegenstand die ihm zugedachte Aufgabe nicht erfüllen kann. Das Gesetz der Wirtschaft verbietet es, für wenig Geld viel Wert zu erhalten. Nehmen Sie das niedrigste Angebot an, müssen Sie für das Risiko, das Sie eingehen, etwas Geld zurücklegen. Und wenn Sie das tun, dann haben Sie auch genug Geld, um für etwas Besseres zu bezahlen.“ Aber: John Ruskin, englischer Maler, Oxford-Professor und Sozialphilosoph, lebte bereits von 1819 bis 1900. Woher kannte der unsere Zeiten nur so gut?

Frohe Erkenntnisse mit der aktuellen CV wünscht

Ihr Roland Schäfer
Herausgeber

PS: Die zahlreichen Glückwünsche zum 10jährigen Bestehen von ComputerVideo haben uns sehr gefreut - unser Dank an alle Gratulanten!


Zurück zum Inhalt

Zurück zum Seitenbeginn