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Editorial CV 5/09: Goldener Schnitt |
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Was haben das Pentagramm und rammelnde Karnickel,
die Mona Lisa und Film und Fotografie gemeinsam? Sie folgen alle dem gleichen
Prinzip, erstere sozusagen naturgemäß, letztere zumindest manchmal, dem Bemühen
nach. Absurd? Wir blenden zurück ins Jahr 300 vor Christus, ins Griechenland der
Antike. Euklid, unter anderem Begründer der modernen Geometrie, untersucht nach
Auswertung noch älterer indischer Quellen die Strecken im Pentagramm und stößt
auf eine immer wiederkehrende Größe: Wenn sich von zwei Teilstücken einer
Strecke die größere zur kleineren so verhält wie die Summe aus beiden zur
größeren, ergibt sich durch Teilung immer das Verhältnis 1,618.
Spulen wir gut 1500 Jahre vor und springen ins A.D. 1202. Leonardus von
Pisa, Sohn des Kaufmannes Bonaccio (daher Fi’ Bonacci genannt, für Filius des
Bonacci), Mathegenie und für damalige Verhältnisse Kosmopolit, legt seine auf
Reisen rund ums Mittelmeer erworbenen mathematischen Kenntnisse in seinem
Hauptwerk „Liber abaci“ nieder, dem „Buch der Rechenkunst“. Darin beschreibt er
nebenbei die Formel, die hinter dem Wachstum einer idealen Kaninchenpopulation
steht (ideal, weil seine Modellkaninchen unsterblich sind und ihre Fortpflanzung
geregelt erfolgt): 1 Rammler zeugt mit 1 Häsin ein neues Karnickelpaar, macht
schon 2; diese beiden plus das Ursprungspaar ergibt 3, die nächste Summe ist die
5, dann 8, 13, 21, 34, 55 und so weiter. Mal abgesehen davon, daß sich die
Viecher exponentiell vermehren (wie die Karnickel halt) und ihrem Züchter in
Nullkommanix die Haare vom Kopf fräßen, wurde diese Zahlenfolge später als
Fibonacci-Folge berühmt. Teilt man nun die jeweils nachfolgende Zahl durch ihren
Vorgänger, so nähert sich das Ergebnis, wer hätte es gedacht, wundersamerweise
sehr schnell der Zahl 1,618 an...
In der Natur sind zahlreiche Phänomene zu beobachten, die auf dieses
Verhältnis zurückgehen, da sie das Wachstum fördern: die Anordnung der Lamellen
auf Tannenzapfen, der Bauplan von Sonnenblumen oder Fischschuppen. In Mathematik
und Geometrie ist die Zahl daher seit alters her als „Göttliche Teilung“ bekannt
(wegen der Euklid’schen Streckenverhältnisse): Leonardo da Vinci stellte 1492
seinen „vitruvianischen Menschen“ nach diesem Verhältnis in den Nabel des (Welt)-Kreises,
und er plazierte auch seine Mona Lisa gemäß dieser Proportionen ins mittlerweile
wohl berühmteste Gemälde der Welt. Da Werke der Kunst, Architektur und Musik vom
Menschen als äußerst harmonisch und ästhetisch empfunden werden, wenn sie dieses
Verhältnis berücksichtigen, wird es als „Goldener Schnitt“ bezeichnet.
Was hat das nun alles mit unserem bescheidenen Thema Videografie zu tun?
Nun, ein Videobild kann wie jedes andere Bildnis gut und gerne als Kunstwerk
bezeichnet werden, das umso ausgewogener wirkt, je besser es die Regeln des
Goldenen Schnittes befolgt. Das Prinzip kann – nicht in jedem Fall, aber eben
durchaus als Leitlinie – als eines von vielen dazu beitragen, bessere Filme zu
gestalten. Um nicht weniger geht es in unserer neuen Ratgeberserie „So filmen
Sie“, die in diesem Heft startet: um bessere Filme. Sie fokussiert gerade nicht
auf die theoretischen Hintergründe der filmerischen Bildgestaltung (die finden
Sie u.a. in der grundlegenden „CV Academy“ in CV 4/04 bis 3/07), sondern auf die
praktische Anwendung: Was ist zu beachten, wenn Sie beispielsweise Menschen
filmen? Was bei Architektur? Wie filmen Sie Natur, wie Tiere? „So filmen Sie“
sagt es Ihnen. Wir haben die wichtigsten Motivarten zu Themengruppen
zusammengestellt, die wir in dieser und den kommenden Ausgaben besprechen
werden. Ein Praxisratgeber, der das Filmen erleichtert und verbessert – den
Start lesen Sie auf Seite 44. Ihr Feedback ist uns willkommen – und immer schön
an 1,618 denken…
Viel Spaß bei der Lektüre dieser CV!
Ihr Roland Schäfer
Herausgeber