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Editorial CV 6/01: Konzentration, bitte!

Neulich hab ich in einem neuen Auto gesessen. Nein, nicht einfach in einem Neuwagen, sondern in einem, der überhaupt zum ersten Mal ausgeliefert wird: alles so knuffig-kugelig, so chromig-cremig-anders als all die Allerweltsautos da draußen! Und andererseits doch so vertraut, daß ich damit unverzüglich bis nach Sizilien hätte fahren können, ohne auch nur einmal die Bedienungsanleitung konsultieren zu müssen: jeder Hebel "dort, wo er sein soll"; Pedalen, Instrumente und Lenkrad, wo die Anwendung "Autofahren" es erfordert. So lehren es die Fahrschulen, so erfordert es die Sicherheit auf den Straßen, und jeder Hersteller hält sich daran.

Genau diese Ähnlichkeit der Bedieninstrumente und die grundlegende Metapher Lenkrad — Schaltung/Automatik — Pedalbelegung sind es, die es uns vom Prinzip her ermöglichen, jeden Wagen auf dem Planeten zu steuern: vom US-Straßenkreuzer bis zum neuen Mini, vom chinesischen Taxi bis zum Mietauto im Urlaub (sehr praktisch). Hand aufs Herz: Würden Sie Ihr Geld in die Aktien eines Autobauer-Rebellen stecken, der plötzlich die Schaltung auf die Fußhebel legt wie beim Motorrad oder das Gefährt per Joystick steuern will? Nein, die zentralen Bedieninstrumente der Anwendung sind gut so, wie sie sind, und deshalb bleibt alles nicht beim Alten, sondern beim Bewährten. Betrachten wir die Gesamtheit der Anwendung "Autofahren", so ist alle Individualität heutiger Automobile reine Kosmetik.

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Harter Schnitt auf den Grund unseres kleinen Exkurses: die Bedienoberflächen professioneller Videoschnittsysteme. Die Zeiten, in denen sich Dutzende völlig verschiedener Entwürfe am Markt tummelten, sind längst vorbei. Die wenigen heute erfolgreichen orientieren sich samt und sonders an jener Metapher, die Avid zum Marktführer hat werden lassen: einen Ressourcen-Pool gleich welchen Namens für das Rohmaterial; waagerechte Timeline mit Audio- und Videospuren; Clips mit Thumbnail-Darstellung; Viewerfenster, Trimmfenster und jede Menge Bedienbuttons, Schieberegler, Menüs.

Kennst du ein GUI, kennst du alle — zwar nicht en détail, aber doch so, daß sich ein erfahrener Cutter nach kurzer Einarbeitungszeit zurechtfindet. Er hat ja schließlich seine kreative Idee im Kopf und weiß, irgendwo nahebei werden die gewohnten Werkzeuge zu ihrer Umsetzung schon liegen. Daher imitiert in der Industrie jeder dieses Proto-GUI (Graphical User Interface), so gut er kann — und optimiert, wenn er kann. FAST Multimedia (jetzt Pinnacle Systems, s. IBC-Report ab S. 16) orientierte sich an Avid, Sony wiederum an FAST, und Media 100 nimmt sich für das GUI seines kommenden Schnittsystems (Codename "Pegasus", s. S. 14) gleich alle drei zum Vorbild. Langweilig? Vielleicht — aber sicher in der Bedienung, gut für die Lernkurve, sparsam für das Studio, das Cutter schnell von einem aufs andere Schnittsystem umtopfen kann.

Womit wir wieder beim Autofahren wären: Vielleicht halten sich ja Timeline & Co. deshalb so hartnäckig, weil sie die Anwendung "Videoschnitt" für den kreativen Prozeß optimal umsetzen, die bestmögliche Annäherung an ein nie erreichbares Ideal sind. So wie es seit 100 Jahren Lenkrad und Pedalen fürs Autofahren sind. Dann wäre auch die Konzentration, die die NLE-Branche gerade erlebt (große Fische schlucken kleine Fische, Sie kennen das), für die Anwendung Videoschnitt absolut zu begrüßen: Jeder Cutter fände sich an einem neuen System so schnell zurecht, wie ich mich in dem eingangs erwähnten Knuffiauto — wäre das nicht wunderbar? Also: Konzentration, ja bitte, und zwar auf jene "Standards" eines Schnittsystems, die es schneller nutzbar, kompatibler und internationaler machen. Und keine Angst, ihr GUI-Programmierer: Für den eigenen Stil ist immer noch genügend Raum — Autodesigner sind schließlich auch nicht arbeitslos.

Happy Editing!

Ihr Roland Schäfer
Herausgeber ComputerVideo

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