| Editorial
CV 6/02: " Was wirklich zählt auf dieser Welt..." |
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... das bekommst du nicht für Geld," so sang einst Udo Jürgens. Nun, zu der Zeit kannte er Bill Gates noch nicht. Der war damals - vielleicht - ein ganz niedliches Kleinkind, das sich noch damit begnügte, seinen Spielkameraden im Sandkasten die Murmeln abzuluchsen. Heute sind die Murmeln größer, Gates Sandkasten ist die ganze Welt, und das Spiel ist immer noch dasselbe: Es heißt schlicht "Weltherrschaft", und die Gates-Firma spielt es Dekade um Dekade mit wachsender Begeisterung: in den 70ern die erste Runde namens "Betriebssysteme", in den 80ern "Office", in den 90ern "Internet" (erinnert sich noch jemand an die "Browser Wars"?). Das Ergebnis der ersten 3 Runden, der ersten 30 Jahre Microsoft ist ebenso bekannt wie banal: Erfolg auf der ganzen Linie, die Spielkameraden ausgeschieden, übergelaufen oder gekauft. Gähn, alter Hut - was sonst ist neu?
Nun, neu ist Runde 4, die 4. Dekade. Die heißt - jetzt wirds für Video interessant - ganz ernsthaft "Streaming". Wie, Streaming? höre ich da einige rufen, diese Technologie, die mit der Internetblase geplatzt ist und deren Fall-out heute bei den Arbeitsämtern Schlange steht? Nun, wer da meint, Streaming sei tot, dem können wir versichern: Mitnichten - es riecht nur komisch. Und niemand weiß besser als Bill Gates, daß sich strenge Gerüche am besten mit teurem Parfüm kaschieren lassen. Microsofts neue Windows Media Technology 9 (kurz: WMT9) kommt mit dem gewissen Duft daher, den nur eine halbe Milliarde Dollar verströmen kann. Sie haben richtig gelesen: In den gerade mal drei Jahren seit der WMT8-Einführung hat Bill Gates laut eigener Aussage 500 Millionen Dollar für Forschung & Entwicklung springen lassen, ein Budget, wie es noch kein IT-Projekt zuvor erhalten hat (und wie es wohl so schnell auch keines wieder bekommen wird). Nicht schlecht in einer Zeit, in der auch in den USA die meisten Unternehmen jammern, finden Sie nicht?
Das Kalkül hinter dem Investment ist klar: Microsoft will sein proprietäres WMT 9 zur weltbeherrschenden Streaming-Technologie aufblasen, unabhängig davon, ob andere Technologien besser als Standard geeignet sind. Wenn Gates wie jüngst beim WMT9-Launch in - passendes Ambiente - Hollywood die "Digital Decade" ausruft, so spielt er das altbekannte Murmelspiel: Er kauft sich ganz einfach den Markt. WMT9 wird überall sein, vom PC bis zum TV, vom Broadcast bis zum Handy. Mit Speck fängt man Mäuse, und Microsoft wäre nicht Microsoft, wenn diese Strategie bisher nicht bestens funktioniert hätte.
Die Erfahrung der letzten drei Dekaden legt nahe: Die Strategie wird auch in Runde 4 beim Streaming wieder klappen. Denn wer sind die verbliebenen Gegner? MPEG-4 AVC alias H.264 (s. Backgrounder ab S. 54) ist zwar schon wieder besser als WMT9 und international anerkannter ISO-Standard (und wird u.a. von Apple unterstützt), hat aber eben nicht die Schubkraft von einer halbe Milliarde Dollar im Kreuz. Wie es derzeit aussieht, bleibt als Fazit wieder nur die ernüchternde Feststellung: Was wirklich zählt auf dieser Welt, das bekommst du nur für Geld, und zwar für sehr viel Geld, wie Bill Gates es ausdrücken würde. Microsoft liefert Dekade um Dekade den Beleg dafür.
Tja: WMT-Streaming forever!
Ihr Roland Schäfer