Editorial CV 6/04:
Auflösungserscheinungen

 

Microdrive_crop.jpg (4534 Byte)

Unser Tester war platt, einfach platt: Angesichts des ersten voll aufgelösten HDV-Signals aus der neuen Sony HDR-FX1 wußte der gestandene Kameramann nicht, zu welchem Superlativ er zuerst greifen sollte. Als er sich dann auf der exklusiven Vorstellung des HDV-Pioniers vor internationaler Fachpresse gefangen hatte, hat er genauer hingeschaut: So genau, daß Sonys anwesende Ingenieure doch reichlich nervös wurden, als er sich -- als einziger Presevertreter übrigens -- mit der FX1 für Vergleichsaufnahmen mit einer VX2000 zurückzog. Diese haben in Sachen Auflösung bei HDV und DV Erstaunliches zu Tage gefördert: Die Details lesen Sie in unserem großen Vorabtest ab S. 20, dem anschließenden HDV-Backgrounder „Hast Du’s Verstanden?“ und unserem Photokina-Report.

Nun ist das Bessere bekanntlich immer der Feind des Guten. Zur Photokina brachte JVC einen Knaller, der sich bald als veritable Bombe unter dem gerade erst ersprießenden neuen HDV-Format erweisen könnte. Und das kommt so: Um dem HDV-Format zu genügen, muß ein Gerät zwei wichtige Bedingungen erfüllen: Zum einen muß es die Spezifikation des Datenformates von HDV einhalten (Details dazu im Backgrounder ab S. 24). Zum anderen aber -- und hier liegt der Knackpunkt -- muß es eben diese Daten auf MiniDV-Band schreiben. Keine Bandaufzeichnung -- keine Konformität zur Spezifikation -- kein HDV-Logo, so einfach ist das.

JVC nun hat nun eine Camcorderserie namens „Everio“ vorgestellt (s. News und Photokina-Report), die die Videodaten eben nicht auf Band wegschreibt, sondern auf die Minifestplatte Microdrive (eine Stunde MPEG2-Video auf 4GB). Noch generieren die Everios kein HDV-Signal, sondern Standard Definition (SD) in PAL. Das jedoch könnte sich ändern, vielleicht schon zur CeBIT. Paradoxe Situation: Einer der Gründer des FDV-Formates bringt als erstes PAL-Gerät einen Camcorder, der sich, s.o., nicht an die Spezifikation hält -- HDV-Signal ja, aber nicht auf HDV/MiniDV-Band, sondern eben bandlos. Und schon löst sich die seit einem Jahr (die HDV-Spezifikation wurde erst im Herbst 2003 vorgestellt) gewonnene Sicherheit über die Zukunft der Formate wieder auf.

JVC hat freilich gute Gründe für sein Abweichlertum. Band nutzt sich ab, der Laufwerksmechanismus ist eine potentielle Fehlerquelle, generiert Abrieb, und vor allem: Band ist linear, und daher langsam in der Weiterverarbeitung. Festplatten dagegen sind per Design schon nonlinear, garantieren den sofortigen Zugriff auf jede beliebige Stelle des Materials in Sekundenbruchteilen. Noch robuster und wartungsfreier sind Flash-Speicherkarten, die mit den Everios ebenfalls eingesetzt werden können.

Hand aufs Filmerherz:Hat JVC das alles nicht schon gewußt, bevor sie die HDV-Spezifikation gemeinsam mit Canon, Sharp und Sony aus der Taufe hoben? Wenn Sie uns fragen: Aber sicher haben sie das... Doch „Tarnen und Täuschen“ gehört zum Geschäft, und wenn’s dem Umsatz dienlich ist, kann auch schon mal eine solche Mega-Finte erlaubt sein.

Übrigens: Wie nun der Kampf „HDV auf Band“ gegen „HDV auf Platte“ tatsächlich ausgeht, ist durchaus offen. Denn Band hat zwar seine Nachteile, doch auch gewichtige Vorteile auf seiner Seite: Es ist billig, es ist jahrzehntelang erprobt, und vor allem: Das Originalband kann zugleich als Archivkopie dienen. Wohin soll der Vielfilmer all sein hochauflösendes Material denn hinschieben, wenn er bandlos aufnimmt? Massenfestspeicher sind erstens noch teuer (s. dazu NAS-Marktübersicht und Speicher-Backgrounder in diesem Heft), und zweitens ist auch der Multi-Terabyte-Speicher irgendwann mal voll. Die Zeit, die der Filmer beim Einlesen einspart, geht dann am Ende für die Archivierung auf DVDs wieder drauf. Denn die Sicherung des Originalmaterials ist schließlich das Wichtigste beim Filmens: Nichts ist schlimmer, als wenn die wunderbaren Aufnahmen unwiederbringlich futsch sind.

Wir freuen uns daher schon auf den großen Systemvergleich der beiden HDV-Varianten. Sie werden ihn hier in ComputerVideo lesen, irgendwann im Jahre 2005, wenn alle Geräte verfügbar sind. Bis dahin schauen Sie sich am besten schon mal -- falls Sie denn nicht auf der Photokina bei den beiden Herstellern waren -- HDV von Sony und Everio von JVC bei Ihrem Händler an. Aha-Erlebnisse und „Erscheinungen“ in Sachen Auflösung garantieren wir schon jetzt.

Happy HDV-Checking!

Ihr Roland Schäfer

 

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