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Editorial CV 6/07: Von Säcken, die in China umfallen |
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Die IT-Branche im allgemeinen und die Videobranche im speziellen sind, in ihrer privaten wie der professionellen Ausprägung, bekanntlich gespickt mit Ungereimtheiten, mit Widersprüchen und scheinbaren oder tatsächlichen Paradoxa. Wir kennen sie alle: Hersteller, die gern von Anwenderfreundlichkeit schwafeln, aber per Hotline einfach nie erreichbar sind; Produkte, die nur existieren, um die von sich selbst geschaffenen Probleme zu lösen; oder Features, die nur von hinten durch die Brust ins Auge funktionieren können, so daß der Anwender regelmäßig am gesunden Menschenverstand der Entwickler zweifelt. An diesen Zustand haben wir uns als Anwender (leider) gewöhnt, das kennen wir, das ärgert uns, das können wir nicht ändern. So weit, so schlecht.
Bisweilen allerdings geschehen selbst in dieser hartgesottenen Branche Dinge, die verschlagen einem die Sprache. Die so absurd sind, daß sie außerhalb jeder Begreif- und Erklärbarkeit stehen. Die gar nicht gehen. Das aktuellste Beispiel dieser Kategorie liefert uns die Firma Microsoft. Ausgerechnet Bill Gates’ Microsoft. Also: Mittlerweile jahrzehntelang trichtert u.a. der Branchenprimus der Welt ein: „Raubkopien sind böse. Raubkopien sind unmoralisch. Raubkopien sind pfui." Weil sie gegen Patente verstoßen. Weil sie die Firmen um (behauptete oder tatsächliche) Milliardenbeträge prellen. Mag ja alles richtig sein. Und ergo läßt die Industrie – häufig mit Microsoft voran – Raubkopien beschlagnahmen, öffentlichkeitswirksam zerstören, auf Messen Probe-Gefängniszellen für Raubkopierer aufstellen usw. usf. Also völlig klar, wer wo steht, oder?
Denkste. Wir schlagen auf: das renommierte Fortune Magazine. Lesen darin einen Bericht über eine Geschäftsreise des Mr. Bill Gates durch China im Juli. Und was lesen wir da? Gates’ Erklärung, wie Microsoft China erobern wolle. Einmal dürfen Sie raten: genau, durch Raubkopien. Gates gab sinngemäß zu Protokoll, in China sei das eben anders, und wenn man auf bekanntem Wege dort nicht Fuß fassen könne (was Microsoft lange Jahre vergeblich versucht hat), dann müsse man sich eben anpassen und Raubkopien tolerieren. „Es ist für unsere Software leichter, mit Linux zu konkurrieren, wenn es Raubkopien gibt, als wenn es sie nicht gibt," so wird Gates zur Begründung zitiert. Schließlich benötige eine komplette Linux-Installation wegen ihrer Größe mehr Platz. Da komme ein raubkopiertes Windows eben mit weniger DVDs aus als Linux. Feuer frei, ihr Chinesen!
Mal abgesehen davon, was wir von derlei dann auch noch als erfolgreichem Business Model deklariertem „Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern"-Gebrabbel halten (das wäre hier nicht druckfähig), wirft Microsofts Verhalten doch interessante Fragen auf, auch rechtlicher Natur. Was wäre denn etwa, wenn ein chinesischer MS-Pirat auf die Idee käme, seine dort erlaubten Kopien rechtmäßig zu exportieren, z.B. nach Deutschland, wo sie illegal sind? Macht sich der Käufer dann strafbar? Oder: Wenn ich meine hierzulande rechtmäßig erworbene Windows-DVD mit auf Urlaubsreise nach China nehme und dort kopieren lasse, sind die Kopien dann bei Wiedereinfuhr legal? Hilf, Anwalt, hilf!
Ärgern sollten Sie sich angesichts solch aussichtlos absurder Fälle wie dem vorliegenden übrigens nicht, daß Sie gutes Geld für Original-Software ausgeben. Daß Firmen ihr Fähnchen nach dem Winde hängen, ist schließlich nicht neu. Nun ist Microsoft eben auch noch auf diesem Gebiet führend. Wie gut für die MS-Niederlassungen in der kopiergeschützten Welt, daß Gates für seine Aussagen nicht (mehr) haftbar zu machen ist. Sie kennen ja den Ausspruch von dem Sack, der in China umfällt …
Wir wünschen frohes Rippen (aber bitte: nur in China)!
Ihr Roland Schäfer
Herausgeber