"Ein Traum wurde wahr"
Interview mit Pinnacle-CEO Mark Sanders
zum Kauf des FAST Multimedia-Geschäftes
Von Roland Schäfer
ComputerVideo sprach mit CEO Mark Sanders über Pinnacles Akquisition des Business von FAST Multimedia, den professionellen Editing-Markt und den Wettbewerb. |
Pinnacle-CEO Mark Sanders |
Fädelte den FAST-Kauf
vor Ort ein: Europachef Georg Blinn
Uns war daher seit langem klar, daß wir unbedingt selbst eine professionelle Schnittsoftware im Haus haben müßten. Die Applikationen der Marktführer dort -- Adobe bei den Consumern, Avid bei den Profis -- haben bereits jeweils etwa 10 bis 15 Jahre auf dem Buckel. Die können dieselbe Softwarearchitektur nicht noch weitere 10 Jahre mit sich rumschleppen, werden also fundamental was ändern müssen. Unseren Technikern war schon länger klar, daß dagegen die FAST-Software sehr modern war, modular, ordentlich dokumentiert und einfach richig gut -- wie gut sie genau ist, wissen wir allerdings erst jetzt. Im technischen Sinne ist FAST den anderen überlegen, obwohl Avid im vertrieblichen Sinne natürlich weitaus größer ist. Pinnacle und FAST haben jetzt in der Kombination eine deutlich breitere Basis an Anwendungen als Adobe, Apple oder auch Avid. Zusammen mit FAST haben wir jetzt etwa 75 verschiedene Produktlinien im Videogeschäft -- das ist schon eine ganze Menge. Unsere Wettbewerber haben vielleicht jeweils 3 oder 4.
CV: Was geschieht nun mit den bisherigen Partnerschaften, was mit Pinnacles Implementation der Discreet-Software edit, mit denen für Adobe und Sony? MS: Die werden fortgeführt, es ist aber nicht dasselbe. Mit Discreet zum Beispiel hat es ein Jahr gedauert, um deren edit auf unsere Targa-Boards zu portieren -- das ist ein verlorenes Jahr am Markt. Unsere Strategie hat also lange funktioniert, aber am Ende des Tages brauchten wir unsere eigene Software.Nennen wir die Strategie "Ko-opetition", also Kooperation plus Kompetition. Pinnacle verkauft Produkte an Matrox, an Grass Valley, Philips, Thomson, und trotzdem stehen wir an anderer Stelle mit ihnen im Wettbewerb. Sony und Matsushita sind die erbittertsten Rivalen, und trotzdem ist Matsushita Sonys größter Lieferant von Videobauteilen -- so ist halt das OEM-Geschäft.
Objekt der Begierde: die Schnittsoftware FASTstudio, hier in der Consumerversion DV.
CV: Was bedeutet das für die bisherige Kooperation in Sachen FASTstudio auf Matrox-Hardware? MS: Werden wir auf keinen Fall verhindern. Wenn die weitermachen wollen, werden wir das von uns aus nicht stoppen. CV: Und Adobe? MS: Adobe sieht den Markt heute anders als noch vor ein paar Jahren. Die machen sich unabhängig von Herstellern spezialisierter Hardware wie Matrox oder Pinnacle und kooperieren mehr mit den PC-Herstellern. Das ist so etwas wie eine natürliche Evolution für Adobe. CV: Schon, aber die FAST-Produkte sind bekanntlich nicht nur nach oben, sondern genauso nach unten hin erweiterbar, und letzteres würde sich ja direkt gegen Adobe Premiere richten. MS: Oh, absolut! Adobe erwartet das sogar. Allerdings: Premiere ist eine komplexe Anwendung, und wer die mal gelernt hat, bleibt dabei. Die eigentliche Herausforderung sind die Anwender, die neu in den Videoschnitt einsteigen. 2 bis 3 Millionen Menschen benutzen jetzt bereits Produkte, die auf unserem Pinnacle Studio arbeiten. Von denen, die upgraden wollen, steigt nur ein Teil auf Premiere um, den anderen Teil werden wir in Zukunft auf die FAST-Software herüberholen. CV: Was ist mit Avid? Die werden sicher nicht "ko-opetieren". Wie werden Sie deren Marktsegment angehen? MS: Avid ist derzeit der größte Kunde, den wir weltweit haben. Sie werden weiterhin professionelle Special Effects-Produkte von uns kaufen, und zwar so lange, wie wir die Besten in dem Bereich sind. Im Editing war FAST zwar stark in Europa, aber nicht in den USA. Ich glaube nicht, daß Avid FAST dort überhaupt als einen starken Wettbewerber auf seinem Radar hatte. Die machten sich eher Sorgen um Final Cut Pro von Apple oder eben ein "professionelleres" Premiere. FAST war zwar ein Wettbewerber wie etwa Discreet, aber kein wirklich gefährlicher Wettbewerber. Könnte sein, daß sich das jetzt ändert ... CV: Es ist schwer, bestehende Anwender einer Schnittsoftware zu einer anderen zu konvertieren. Wie wichtig ist das bei Avid für Sie? MS: Richtig, es ist schwer und dauert lange, aber dennoch geht es. Nehmen Sie CMX: Deren Name war viele Jahre lang der Standard im Editing, und keiner glaubte, daß die verschwinden könnten. Ist trotzdem passiert. Avid wurde zum Standard im Highend-Editing -- vielleicht wird es in ein paar Jahren jemand anderes sein. CV: Die Geschichte wiederholt sich? MS: Immer. Auch im nonlinearen Schnitt. Das ist immer noch Avids zentrale Anwendung, alles andere -- Networking, Storage usw. -- ist peripher. Schauen Sie sich die News-Systeme an: Im News-Bereich gehts nur ganz am Rande um Schnitt. Avid sieht dagegen alles unter dem Aspekt des Editings, ihre Stärke ist sozusagen auch ihr blinder Fleck. Vor 5 Jahren war Avid genauso groß wie heute. Pinnacle hat sich in demselben Zeitraum verdreizehnfacht. Relativ zu uns gesehen sind sie also geschrumpft.

Relaxed blickt Pinnacle in die Zukunft: Zu Editing-Paketen wie hier CinéWave für den Mac gesellt sich nun im Highend die FAST-Produktlinie unter Windows.
CV: Sehen Sie andere Firmen als wichtige Wettbewerber im professionellen Editing? MS: Nicht mehr. Vor 10 Jahren war NLE noch neu, doch mittlerweile ist es ein etablierter Markt. Noch vor drei Jahren gab es Dutzende von NLE-Programmen auf der NAB. Jetzt sind vielleicht noch 10 davon aktiv. Für viele von ihnen ist es einfach zu spät, um noch ein wichtiger Player zu werden. Mit 2 oder 3 Prozent Marktanteil ist es nahezu aussichtslos, zu einer marktbeherrschenden Stellung zu gelangen -- und selbst der Versuch verschlingt beliebig viel Geld. CV: Der FAST-Deal kam also für beide zur richtigen Zeit? MS: Ja, das Timing war perfekt. FAST wußte, daß es sich zwar eine wichtige Nische des Marktes erobert hatte, aber eben nur eine Nische. Nun kann man, um wirklich groß zu werden, entweder selbst auf die Ochsentour gehen, das dauert dann sehr lang. Oder man kann sich mit jemandem wie Pinnacle verbinden, dann sieht man die Ergebnisse sofort. Was den professionellen Videomarkt angeht, ist Pinnacle mittlerweile die Nummer 6 auf der Welt. Die FAST-Produktlinie war sicher die wichtigste, die uns für unser professionelles Geschäft noch gefehlt hat. Wir haben uns jahrelang darum bemüht: Jetzt ist ein Traum wahr geworden.