Amsterdam im Schatten New Yorks
US-Anschläge sorgen für gedämpfte Stimmung auf der IBC
Von Roland Schäfer
Die Nachricht platzte wie eine Bombe in den ersten Morgen der IBC: Pinnacle Systems übernimmt das Geschäft der FAST Mulstimedia AG ("purple", "silver" usw.) aus München für gerade mal 15 Millionen US-Dollar. Was früher angesichts der sonst üblichen Mega-Deals im Messetrubel untergangen wäre, war in diesem Jahr für Titelschlagzeilen gut. Unser IBC-Rückblick ist diesmal ganz den Editing-Firmen gewidmet. |
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Die International Broadcasting Convention 2001 stand ganz unter dem Schock der Anschläge auf New York und Washington, die drei Tage zuvor passiert waren. Der 11. September hinterließ seine Spuren: Schweigeminuten, manch einen ferngebliebenen US-Aussteller sowie Besucherzahlen, die um 30 Prozent hinter den Erwartungen zurückblieben. "Social Events" wurden entweder deutlich im Stil zurückgefahren oder gleich ganz abgeblasen. Aussteller wie Kunden nahmen die eigene Sache plötzlich weniger wichtig, Trends und Vorhersagen wurden zweitrangig. Wäre da nicht diese deutliche spürbare Beklemmung gewesen, man hätte von einer "relaxten" Messe sprechen können.

Schluck schluck, weg wars: Pinnacle Systems übernahm das Profi-Business von FAST Multimedia.
FAST gibt auf
Die große Messenachricht an der Übernahmefront war jene vom Kauf der FAST Multimedia AG durch den einstigen Erzrivalen Pinnacle Systems. Blenden wir zurück: FAST, seit 1990 einer der Pioniere und Hoffnungsträger von Multimediatechnologie deutscher Herkunft (Screen Machine, Video Machine, AV Master usw.), hatte sich seit Mitte der 90er Jahre besonders im Consumermarkt ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit der Braunschweiger Firma Miro geliefert. Der war bereits 1997 vom damals noch bedeutend kleineren US-Hersteller Pinnacle Systems geschluckt worden. Nach diversen Turbulenzen hatte FAST-Gründer Matthias Zahn die FAST Multimedia in zwei unabhängige Firmen gespalten. Die Consumerabteilung wurde Mitte letzten Jahres an US-Hersteller Dazzle verkauft (mittlerweile selbst eine Tochter der SCM Microsystems); die Produkte werden in Deutschland noch unter dem Label Fast-Dazzle vertrieben.
Lachen vergangen: FAST-Gründer Zahn (links) warf nach 15 Jahren das Handtuch.
Die Profiabteilung entwickelte derweil unter dem alten Namen weiterhin ihre Schnittsoftware FASTstudio zur Marktreife. FASTstudio (s. div. Tests in CV, z.B. in Ausgabe 5/01), die Editing-Applikation professioneller Videohardware wie purple, silver, ivory und blue, hatte nun allerdings dank ihrer Leistungsfähigkeit schon seit Jahren Begehrlichkeiten geweckt, namentlich von Pinnacle Systems.
Über Jahre hinweg winkte Zahn bei Pinnacles Offerten ab, wollte Markterfolg und Börsengang aus eigener Kraft schaffen. Doch FAST war seit jeher mehr Entwicklerunternehmen denn Vertriebskanone gewesen. Am Schluß ging schlichtweg das Geld aus, Banken und Finanzamt stellten ihre Forderungen fällig, und Zahn warf nach 16 Jahren FAST das Handtuch. Seine FAST Multimedia AG tritt in eben jenem Moment ab, wo die Produkte reif waren für eine groß angelegte Offensive auf den professionellen Markt, und zwar genau deshalb, weil sich FAST diese Offensive nicht mehr leisten kann. Der Erlös von 15 Millionen Dollar in bar und Aktien entspricht nicht einmal einem Jahresumsatz. Noch vor zwei Jahren hätte der Verkauf ein Vielfaches erlöst.
Geschenk des Himmels für Pinnacle
Dem Käufer hingegen fiel die reife Frucht geradezu in den Schoß: FASTstudio ist Pinnacles Entrée in den professionellen Editingmarkt, und Pinnacles Stärke in Vertrieb und Marketing könnte daraus in kürzester Zeit einen Verkaufsschlager und ernsthaften Konkurrenten für den Profi-NLE-Marktführer Avid werden lassen. Zu den Hintergründen des FAST-Kaufes aus Pinnacle-Sicht führten wir ein Interview mit Pinnacle-Chef Mark Sanders (s. hier).
Alles rein, alle raus: blue. ist Pinnacles neue Highend-NLE auf Basis von FASTstudio.
Die Übernahme drängte die Produktneuheiten beider Unternehmen in den Hintergrund. FAST stellte nach 5 Jahren der Ankündigung endlich "blue" vor, seinen Highend-Editor auf Basis von FASTstudio 4.0. "Every in, any out" lautet der Werbeslogan des Phantomproduktes, das nun real wurde. blue bietet komplett natives Editing in allen Formaten, analog wie digital, komprimiert wie unkomprimiert, inklusive Datentransfer in Vierfach-Geschwindigkeit via SDTI. Die Formate lassen sich nach Belieben in Echtzeit auf einer Timeline mischen und ausgeben. Diese Fähigkeiten haben offenbar auch dem österreichischen ORF imponiert, das nach reiflichem Vergleich mit anderen NLE-Sytemen 14 blue-Turnkey-Systeme inklusive IMX-Option und Color Correction orderte.
Bei Pinnacle stand MediaStream 900 auf dem Messeprogramm, die jüngste Version des Networked Storage Servers. Ein neues 19-Zoll-Chassis (5 Höheneinheiten) bietet 9 I/O-Slots für Videosignale. Dank einer neuen Dekoderkarte unterstützt der Server jetzt 20-Bit Dolby-E-Audio mit bis zu 6 Kanälen pro Videokanal. Dem Web-Media-Encoder StreamFactory (s. News CV 1/01) spendierte Pinnacle in dem Model X2 Pro eine DV-Option, eine High-Quality-Hardware (HiQ), den Sorenson Broadcaster für Windows (s. Vergleichstest in CV 1/01) sowie QuickTime-Unterstützung. Die X2 Pro soll im Dezember ausgeliefert werden. Als Editingsystem wurde die neue Pro-ONE in den Markt eingeführt (s. Test in diesem Heft). In der Version 1.2 schließlich harrte Pinnacles CineWave der Besucher, Pinnacles Mac-basiertes Echtzeit-Schnittbearbeitung für Medien in unkomprimierter Standardauflösung und HD (s. News CV 3/01).
Versionitis bei Avid
Avid sah dem Übernahmetreiben seiner Wettbewerber mit gemischten Gefühlen zu. "Offizielle" Reaktionen waren zunächst nicht zu erhalten, doch hinter vorgehaltener Hand gaben die Avidianer zu verstehen, daß sie die neue Lage sehr genau in ihren Auswirkungen auf Avid analysieren würden. Ansonsten setzte Avid auf "Business as usual", und dessen Name war in diesem Jahr "Versionitis": nicht ein Avid-Produkt, zu dem es auf der IBC nicht ein Update gegeben hätte. In Sachen Workflow stand Avid Unity MediaNet 2.0 und 2.1 im Vordergrund. Version 2.1 des Media-Netzwerkes kann am Mac zwei unkomprimierte Echtzeitströme verarbeiten und zwischen Macs sharen. Die Version Avid Unity LANshare 1.0 bietet eine vergleichbare Funktionalität über Ethernet zum Einstiegspreis (Auslieferung im 4. Quartal). Bei den Broadcast-Lösungen zeigte Avid den NewsCutter XP 2.1 (inklusive NewsCutter XP Mobile) mit 4.1.1 PAL und PortServer Pro Support, durch den bis zu 50 NewsCutter-Clients gleichzeitig zum Einsatz kommen können.
Mit Avids NetReview läßt sich Broadcast-Material per Streaming Video über das Internet begutachten und kommentieren.
In der Post-Production waren zum ersten Mal in Europa die Version 5.0 von Avid|DS sowie Avid|DS HD mit ihren zusätzlichen Echtzeitfähigkeiten zu sehen, ebenso Softimage XSI 2.0 und Softimage 3D 4.0. Verfügbar ist mittlerweile die Media Station XL 1.0. Gezeigt wurden außerdem die Versionen Symphony 3.5, Media Composer 10.5 und Avid Xpress 4.5. Ein weiteres IBC-Highlight bei Avid war NetReview, ein System zur Prüfung und zum Kommentieren von Videoinhalten über das Internet.
Matrox sauer ...
Wenn ein Hersteller auf der IBC richtig sauer war über den FAST-Verkauf an Pinnacle, dann war es Matrox. Da hatte man nun jahrelang die FASTstudio-Software für die DigiSuite-Hardware und die RT-Schiene angepaßt, alles für einen Überraschungscoup auf der IBC vorbereitet -- und dann das: Den direkten Wettbewerber Pinnacle wollten sich die Kanadier nun wirklich nicht auf den IBC-Stand holen. So luden sie denn FAST Multimedia wenige Tage vor der Messe wieder aus (die Buschtrommeln hatten Matrox den Verkauf schon vorher zugetragen), was Matrox seines zentralen Messehighlights beraubte. So wurden das PRO-Pack und diverse Bundles angekündigt (s. News in diesem Heft) sowie die bekannten DigiSuite MAX, RT2500 (s. Test in CV 5/01) und RTMac gezeigt.
... Discreet nicht
Die Autodesk-Tochter Discreet hingegen trug den FAST-Deal mit Fassung. Zwar ist auch Discreet mittelbar betroffen, hat man doch soeben mit großem Aufwand seine Schnittsoftware edit auf die Targa-Karten von Pinnacle angepaßt (s.a. Interview im Anschluß an diesen Report). Doch ansonsten hatte Discreet einiges an Neuigkeiten aus dem High-End und bei seiner Software zu bieten. Für das Echtzeit-Broadcast-Grafiksystem frost zeigten die Kanadier die komplett neu gestaltete Version 3.0. Das Effektsystem flame kommt jetzt in einer Echtzeitversion für High Definition-Signale heraus (flame real-time HD). edit 6.5 ist das neueste Release der nonlinearen Schnittlösung, jobnet 3.0 jenes für Discreets Software für Workgroup-Editing. Überdies sah die IBC die Europapremiere von combustion 2, der neuen Version der integrierten Software für Paint-, Animation- und 3D-Compositing-Effekte (s. News CV 5/01).
Neues Jog/Shuttle für Canopus-Schnittsysteme: das JD-1
Canopus bleibt cool
Nur einer der Wettbewerber von Pinnacle und FAST nahm den Deal ausgesprochen cool: Canopus. Zum einen stehen die hauseigenen Produkte in untadeligem Ruf, und die Umsätze der japanisch-amerikanischen Firma haben sich auch in Europa äußerst positiv entwickelt. Zum anderen sieht sich Canopus nicht als Wettbewerber der FAST-Produkte -- noch nicht. Im Interview mit ComputerVideo ließ Canopus-Chef Hiro Yamada nämlich ganz exklusiv durchblicken, daß sich das möglicherweise schon bald ändern werde. Canopus will noch in diesem Jahr mit einer eigenen, brandneuen Schnittsoftware in den Markt für professionelles NLE einsteigen, zunächst in Japan, ab dem kommenden Jahr auch in den USA und in Europa. Die ersten Kontrakte mit Fernsehstationen habe seine Firma bereits gewonnen, so Yamada -- gegen den etablierten Wettbewerb wohlgemerkt. Canopus könne daher der veränderten Wettbewerbslage gelassen entgegensehen. Im übrigen habe Pinnacle bei ihm mindestens ebenso häufig angeklopft wie bei FAST, nur sei Canopus im Gegensatz zu den Münchenern eben nicht verkäuflich ...
Der Videoserver MediaEdge von Canopus ähnelt einer kleinen Set-top-box und konvertiert analoge Signale nach MPEG.
Bei den Produkten vermeldete Canopus im übrigen die Auslieferung seines MPEG-Videoservers MediaEdge, der alle Arten von Live-Video über LANs ausliefert. Darin arbeiten Canopus Amber-Encoderkarten, die analoges Videomaterial nach MPEG-1 und MPEG-2 umwandeln. Das Set-top-box-ähnliche Gerät mit seinem Embedded-Betriebssystem enthält weder Festplatte noch sonstige beweglichen Teile und arbeitet vollkommen wartungsfrei. Software-Updates laufen übers Netzwerk. Auf der Client-Seite arbeitet die MediaEdge-Software als PlugIn unter Microsofts Internet Explorer. Weiter zeigte Canopus seine DVStorm SE (s. Test in diesem Heft), das Storm Rack-Komplettsystem, den DVRex RT Professional (DVRex RT mit Anschlüssen für YUV-Komponentensignale, Balanced Audio und RS422-Machinenkontrolle) sowie seinen DVRaptor in einer RT-Realtime-Version (mit Analog-Ausgang in Echtzeit; s. News CV 4/01).