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Das Wunder von Amsterdam

Auf der IBC versprüht die Branche Optimismus
Von Roland Schäfer


In der Broadcastindustrie, man glaubt es kaum, startet die Konjunktur. Während Deutschland noch von zahlreichen Malaisen geplagt wird, bescherte Europa der Branche auf der IBC in Amsterdam den Start in den Aufschwung. Unser Stimmungsbericht faßt die wichtigen Trends zusammen.

Was ist es, das die „Stimmung“ einer Messe ausmacht? Sicherlich zunächst einmal der subjektive Eindruck des Betrachters. Der war auf der IBC 03 in der Summe absolut positiv, waren doch so gut wie alle Gespräche von verhaltenem Optimusmus geprägt. Dann sicherlich die offiziellen Zahlen: Was die Besucherzahlen angeht, so hat die International Broadcasting Convention in diesem Jahr schon beinahe wieder mit dem Rekordjahr 2000 gleichgezogen. Heuer wurden 44.130 Besucher gezählt gegenüber 45.500 im letzten Jahr vor dem 11. September; 2001 fällt insofern aus dem Rahmen, als viele Aussteller und Besucher ihre Anreise kurzfristig hatten stornieren müssen. Bei den Ausstellern wurde 2000 sogar noch übertroffen: Mit 995 ausstellendenden Firmen waren es 70 mehr als 2000 und 65 mehr als 2002. Verglichen mit der NAB in Las Vegas vor einem halben Jahr (s. Report in CV 3/03) wurde demnach die optimistische Grundtendenz bestätigt, doch im Gegensatz zu ihr zeigen nun auch die Aussteller- und Besucherzahlen wieder nach oben.

„Great Products“: Von der Spy-Cam bis zur riesigen Studiokamera hatte die IBC für jeden Besucher das passende Produkt parat.
Drittens sind es natürlich die neuen Produkte und Technologien, die den Charakter einer Messe prägen. Hier war die IBC insofern äußerst ergiebig, weil die Prototypen, die schon traditionsgemäß die NAB bevölkern, inzwischen den Vorserienmodellen gewichen sind, die von einer baldigen Verfügbarkeit der Produkte künden. Klar: Wer eine Rezession erwartet, investiert nicht in großem Stil in R&D, sondern hält sein Pulver trocken. Die Hersteller schätzen demnach die Chancen für den Absatz ihrer neuen Produkte positiv ein, in den Entwicklerküchen brummt es, und tatsächlich bahnbrechende Neuheiten werden innerhalb des nächsten halben Jahres auf den Markt kommen.

Formatkrieg, die x-te: XDCAM gegen P2
Da kann es kaum verwundern, wenn das Kommunikationsverhalten mancher Marktteilnehmer schon wieder an die Rituale vergangener Hoch-Zeiten erinnert. Stichwort Formatkrieg: Die ewigen Antagonisten Sony und Panasonic beharken sich schon wieder massiv; diesmal bei den Aufzeichnungsmedien, der Ton auf Pressekonferenzen und in den Einzelgesprächen ist schärfer geworden. Logisch: Es geht ja wieder mal „ums Ganze“, um die gesamte Aufzeichnungskette in der Medienproduktion nämlich. Während Sony in Aufzeichnung, Verarbeitung und Archivierung das Magnetband durch optische Speichermedien ablösen will (die Produktfamilie wurde „XDCAM“ getauft), geht Panasonic mit „P2“ gleich auf Festspeicher in Form der bekannten SD-Speicherkärtchen (s.a. Editorial und Report in CV 3/03). Rotierendes Medium gegen Solid State -- der Krieg der Konzepte wird bereits wieder mit quasi-religiösem Eifer ausgefochten. Der Grund liegt auf der Hand: Keine der großen Sendeanstalten weltweit, keines der großen Produktionsstudios wird sich den kompletten Maschinenpark doppelt anschaffen (einmal in der XDCAM-Variante, einmal in der Flash Memory-Version), sondern sich für eines entscheiden müssen.

Was die bekanntlich immens wichtige „Time to Market“ angeht, den Zeitpunkt der Markteinführung, hat diesmal Sony die Nase um etwa ein Vierteljahr vorn. Noch in diesem Jahr sollen die ersten XDCAM-Geräte ausgeliefert werden; Panasonic dagegen kann seine ersten P2-Camcorder und -Recorder frühestens ab der NAB auf den Markt bringen.

Sony positioniert sein XDCAM zunächst als Akquisitionsformat für die Nachrichtenproduktion. XDCAM-Geräte speichern auf die Professional Disc, wobei ein Blauer Laser die Daten auf eine 12cm-Scheibe schreibt, die in einer Cartridge steckt. Die Kosten, so Sony, seien mit der der Bandaufzeichnung vergleichbar. Ein Plus: XDCAM ist zwischen MPEG IMX- oder DVCAM-Kodierung umschaltbar. Die Professional Disc kann niedrig auflösende Proxy-Audio/Video-Daten bis zu 50 Mal schneller als in Echtzeit übertragen. Bei herkömmlicher Programmerstellung in voller Auflösung wird laut Sony die Schnittzeit dank der neuen nichtlinearen Scheibe um die Hälfte reduziert. Zwei XDCAM Recorder sind neben entsprechenden Studio-, Kompakt- und mobilen Recordern bereits erhältlich.

Am IBC-Stand von Panasonic hießen die „großen” Themen P2 und ING. „P2“ hat Panasonic als Dachbezeichung für alle Geräte auserkoren, die mit Speicherkarten arbeiten. In den (nicht zu öffnenden) P2-Speicherkarten mit PCMCIA-Anschluß stecken vier SD-Kärtchen mit derzeit bis zu je 1 GB. Auf eine 4BG-P2-Karte passen laut Panasonic knapp 20 Minuten DVCPRO mit 25 Megabit pro Sekunde (mbps), die Hälfte bei 50mbps. Panasonic erwartet, daß ab 2006 Karten mit bis zu 64 GB Speicherkapazität verfügbar sein werden, die dann zur Aufzeichnung von HDTV-Signalen ausreichend sind.

Zunächst sollen im 2. Quartal 2004 ein Camcorder, ein Laptop-Schnittsystem und eine Transfer-Unit für Rohmaterial auf den Markt kommen. Der P2-Camcorder (mit drei 2/3-Zoll CCDs à 600.000Pixel) ist umschaltbar zwischen DV, DVCPRO 25 und DVCPRO 50 und wird fünf PCMCIA-Slots haben. Die Bild- und Tondaten einer vollen P2-Karte können bereits in Schnittsysteme eingespielt werden, noch während auf die weiteren Karten aufgenommen wird. Aufnahmeunterbrechungen durch Medienwechsel sind damit passé. Weil sie keine beweglichen Teile im Aufnahmemechanismus hat, ist die P2 Cam laut Hersteller äußerst unempfindlich gegenüber Erschütterungen und Vibrationen, zudem arbeitet sie geräuschlos. Ausgestattet ist sie mit Anschlüssen für SDI, Firewire und USB 2.0 und hat einen 3,5-Zoll-LCD-Monitor sowie Slots für optionale Wireless-LAN- und Proxy Video-Applikationen.

Praktisch, daß Panasonic auch Notebooks baut: Ein erstes P2 Schnittsystem war somit schnell gefunden. Für das standardmäßig mit einem PCMCIA-Slot und Schnittsoftware ausgestattete Toughbook sind optional ein Jog Pad und ein Audiofader erhältlich. Ebenfalls wahlweise kann ein DVD-Brenner angeschlossen werdne, über den Backup-Kopien gezogen werden können. Weiter sind ein P2 Deck und LCD-Monitor sowie ein P2 Drive mit 5 Slots und USB 2.0-Schnittstelle vorgesehen, über die das Material in PC- und Newsroom-Umgebungen eingespielt werden kann. Ein Preis wurde bis dato für keines der Geräte genannt.

Die „ITisierung“ der Branche
Eine Strategie für die neue Produktfamilie hat sich Panasonic natürlich ebenfalls zuglegt: „ING“, für „IT News Gathering“ (IT-basierte Nachrichtenaufnahme). ING sei die erste wirkliche Abkehr von der bandbasierten Nachrichtenproduktion; von ihrem Einsatz verspricht Panasonic Broadcastern eine erhebliche Beschleunigung der Produktion und signifikante Einsparungen. Die Informationstechnologie schickt sich also an, die Broadcastindustrie nun endgültig zu erobern -- nur sind die Vorreiter diesmal die Broadcaster-Hersteller selbst. Da stellt sich freilich die Frage, wie sich diese denn -- außer durch die Herstellung von Kameras -- von den etablierten IT-Herstellern abheben wollen. Denn diese haben den Broadcastfirmen Jahrzehnte der Erfahrung im Umgang mit IT-Kernkomponenten wie Prozessoren, Datenübertragung via Netzwerk, Schnittstellen und Speicherung/Archivierung voraus. Und einen PCMCIA-Kartenleser müssen Studios schließlich nicht unbedingt beim teuren Broadcastausrüster kaufen, der kommt aus China billiger. Wir sind gespannt, wie sich Panasonic, Sony & Co. in den kommenden Jahren dieser Herausforderung stellen werden.

Die Wahl des Aufzeichnungsmediums war beileibe nicht das einzige Megathema der IBC. Mindestens ebenso prominent stachen die Themen Vernetzung, digitales Kino und High Definition hervor. Weltweit werden immer mehr HD-Programme produziert. Gerade in Europa sind HD 25p-Produkte bereits erfolgreich, die speziell für das Fernsehen entwickelt wurden. Sie bringen Berechnungen von Sony zufolge im Produktionsbetrieb Einsparungen von bis zu 49 Prozent im Vergleich zu Super-16 mm-Film mit sich.

Auch in Sonys DVCAM-Produktfamilie tut sich Neues. Als Nachfolgerin des Dreichippers DSR-PD150P stellte Sony nun die DSR-PD170P vor, die Profiversion der DCR-VX2100 (s. News). Sie verfügt über drei 1/3-Zoll-CCDs und bietet eine verbesserte Video- und Audio-Qualität, einen Zoomhebel und eine Start/Stop Aufnahmetaste am vergrößerten Griff, einen größeren Sucher, ein 2,5 Zoll Hybrid-LCD-Panel und eine Gegenlichtblende für den Einsatz eines Wide Conversion Objektivs VCL-HG0758. Sie soll ab Dezember 2003 verfügbar sein -- ein Preis wurde noch nicht genannt.

In Sachen Schnitt bietet Sony schon seit Jahren XPRI an, seine nonlineare Content Creation Station. Die neue Version 6.0 des Highend-Systems XPRI HD/SD (jetzt erhältlich) bietet die Anbindung an die Optical Disc-Technologie inklusive Proxy AV und Metadaten, ein größeres Spektrum an Echtzeiteffekten sowie eine sekundäre Farbkorrektur. Downstream Keys sind ebenfalls in Echtzeit verfügbar und können zusammen mit simultan verwendeten Multiple Clip- und Übergangs-Effekten genutzt werden. Eine XPRI MobileStation Software für den Schnitt vor Ort am Laptop und die Desktop XPRI MetaStation zur automatischen Überspielung vollauflösenden AV-Materials über Schnittlisten sind jetzt ebenfalls verfügbar.

Bei Panasonic stand neben P2 unter anderem die Varicam AJ-HDC27 im Mittelpunkt. Sie bietet variable Aufnahmegeschwindigkeiten von 4 bis 60 Bildern pro Sekunde, kann demnach von der Zeitraffer bis zur extremen Zeitlupe alle Speilarten bereits in der Kamera erzeugen. An die High Definition-Front wurden neue DVCPRO HD-Modelle der longplayfähige Recorder AJ-HD1700 geschickt. Der AJ-SDX ist Panasonics neuer Top-Range-Camcorder für Standardauflösung.

Ein direktes Wettbewerbsmodell zu Sonys PD170 (s.o.) stellt die bereits auf der NAB gezeigte AG-DVC80 aus Panasonics DV Proline dar. Der Dreichipper (3x 1/3-Zoll-CCDs mit je 410.000 Pixel) ist ausgestattet mit dem Präzisions-Weitwinkelobjektiv Leica Dicomar, automatischem und manuellem Fokus, einem fortgeschrittenen, optischen Bildstabilisator, neuen manuellen, Servo- und Zoomfunktionen sowie einer Firewire-Schnittstelle. Last not least fand sich ein professioneller DVD-R/DVD-RAM-Recorder im Messeaufgebot, der L-DRM200.

Die Stimmung war bei zahlreichen weiteren IBC-Ausstellern ausgezeichnet. Bei JVC Professional stand der neue HDTV-Camcorder JY-HD10 im Mittelpunkt (s. erste News in CV 6/02). Mit nur einem CCD (1,18 Millionen Pixel) kann er im HD-Modus mit 720/30p und konvertierte 1080i Signale ausgeben. Aufgebnommen wird Native 16:9 im MPEG-2 HD Kompressionsverfahren auf Standard-Mini-DV-Kassetten. Im SD-Modus nimmt er (im 4:3-Format) MPEG-2 mit 480/60p oder 480/60i auf. Außerdem stellte JVC einen MPEG-4 Encoder namens DM-NC40U und den FireWire-Festplattenrecorder DR-DV5000 -- eine Entwicklung von Focus Enhancements -- für die Camcorder GY-DV5000E, GY-DV500 und GY-DV700 vor. Zum ersten Mal war in Europa JVCs proprietäre HD-Produktionsumgebung auf D-VHS-Basis zu sehen, bestehend aus dem Taperecorder SR-VDA300 und dem Player SR-VD400.

Avid, der Marktführer im Bereich Professional Editing, war nach einem Jahr Abstinenz wieder im Amsterdam mit eigenem Stand vertreten und hatte seine DNA-Hardware-Beschleuniger im Gepäck, darunter das neue Highend-System DS Nitris. Aus der DNA-Familie ist die externe Beschleunigerbox Mojo mittlerweile lieferbar, ebenso die Schnittsoftware Xpress Pro (s. Test ab S. 32), NewsCutter XP 5.0 und Softimage XSI 3.5. Außerdem liefert Avid der Advanced Authoring Format (AAF) Association einen offenen Quellcode, der für die Kompatilität zwischen Media- und Metadatenformaten sorgt.

Pinnacle Systems vereinigte zur IBC seine DV-Editing Produkte Liquid Purple und Edition 5 (s. Test in CV 4/03) zum neuen Produkt Liquid Edition. Außerdem können Anwender aller Liquid- und Edition-Systeme nun ihre Videoclips direkt im Macromedia Flash-Format ausgeben.

Canopus hatte ein komplett neues Produkt-Line-up für Profis mit nach Amsterdam gebracht (s.a. News), darunter den neuen Medienkonverter ADVC 1000 (DV-SDI), den DV Raptor RT2 Max (neues Flaggschiff der Raptor-Serie), die hauseigene Schnittsoftware Edius 1,5 (s. Test ab S. 30), DV Storm2 Pro (mit Komponenten-Videoausgang, Edius LE, MPEGCraft, einer neuen, bildgenauen MPEG-Schnittanwendung und dem Adobe Premiere Pro Plug-In), Let's EDIT (s. News) und ProCoder 2 (s. Test Version 1 in CV 4/02). Discreet zeigte combustion 3 (s. News), die Version 6 von Fire und Smoke sowie Smoke unter Linux. Matrox präsentierte zum ersten Mal seine Schnittkarte RT.X100 Xtreme unter Adobe Premiere Pro sowie die RT.X100 Xtreme Pro Collection. Media 100 kündigte die Verfügbarkeit seines Schnittsystems 844/X in der Version 2 und der Software-Erweiterung XBlur an.

Im während der IBC chronisch hotelbettknappen Amsterdam sind übrigens im nächsten Jahr zwei Drittel der Betten direkt über die Messeleitung buchbar. Außerdem hat die örtliche Hotellerie stabile Preise für 2004 zugesagt: noch ein Grund mehr für alle professionell Interessierten, die IBC dauerhaft in ihre Terminplanung aufzunehmen.

 

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