| Photokina 2004: Neue Ufer Anno Domini 2004: |
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Neun Jahre nach der Vorstellung von Digital Video für
Consumeranwendungen läuten die Hersteller von Camcordern und Nachbearbeitungs-Tools die
nächste Runde ein: High Definition Video ist das „NBT“, das „Next Big Thing“ der
Branche. Doch nicht nur in Sachen Auflösung entwickeln sich die Camcorder weiter: Auch
bei den Speichermedien tut sich was, wie unser Photokina-Bericht weiß.
Wer Ende September durch die Kölner Messehallen schlenderte, rieb sich bisweilen
verwundert die Augen: dicht gedrängt die Besucher auf den Gängen und an den Ständen,
geschäftige Aussteller, Innovation allerorten. Kaum eine Spur vom kollektiven
Katzenjammer der letzten Jahre, von gähnend leeren Messehallen und langen Gesichtern. Die
Messegesellschaft sprach gar von Besucher- (160.000) und Ausstellerrekorden (1.589), einem
„einzigartigen Aufwärtstrend der Branche“ und einer „Photokina der Superlative“.
Was war geschehen?
Wie es scheint, zieht sich die Imaging-Branche wieder mal an den eigenen Haaren aus dem
Sumpf. Die Zeit scheint günstig: Das Weihnachtsgeschäft steht vor der Tür, Deutschland
hat übers Jahr sein Geld zusammengehalten; nun wagen sich die Käufer aus der Deckung,
besonders bei Hightech, Home Cinema und Hochauflösendem. Die Industrie erleichtert den
Einstieg mit jeder Menge neuer Produkte, 3 und 5 Megapixel zum Schleuderpreis, ganze
Familien von Digitalknipsen unter 100 Euro, dazu große Flachbildschirme,
Heimkino-Projektion und Mediaserver für den Hausgebrauch (s. dazu u.a. unsere
NAS-Marktübersicht in diesem Heft). Und die Videobranche?
Tusch für HDV: „Sony = hochauflösend“
Die Videobranche, bei den Camcordern auf lediglich etwa 10 Prozent der Stückzahlen
digitaler Fotokameras angesiedelt, hat mit etlichen strukturellen Entscheidungen ebenfalls
Neuland betreten. Die Würfel sind gefallen zugunsten alternativer Speichermedien --
Festplatte, Flash Memory-Karten, DVD -- vor allem aber zugunsten von HDV. Das DV-Format,
eingeführt 1995 in Form der Sony VX1000, hat als Innovationsmotor ausgedient;
mittelfristig wird DV zum digitalen Einsteigerformat werden und VHS ablösen, obwohl sich
„Analog“ als zäher als erwartet erweist. Die Musik aber spielt bei High Definition
Video: Hier ist für die nächsten Jahre eine Flut neuer Geräte zu erwarten, auch
preislich und leistungsmäßig abgespeckter. Den munteren Innovationsreigen eröffnen
schon traditionsgemäß die Camcorder (klar, ohne Aufnahmegerät kein Material),
versinnbildlicht in Form der Sony HDR-FX1 (s. Vorabtest ab S. 20). Zwar kann die FX1 nicht
den Titel des „Ersten HDV-Camcorders“ für sich beanspruchen; dieser Titel gebührt
JVC mit seinen Modellen GR-HD1 und JY-HD10. Doch wo diese Einchipper sich auf die
Einstiegs-HDV-Auflösung von 1.280x720p und NTSC beschränkten, erfüllt der Dreichipper
FX1 auch die „große“ HDV-Spezifikation mit 1.440x1.080i und ist in PAL verfügbar.
Also das Wichtigste vorweg: Sony hat den Preis für die FX1 bereits vor ihrer
Markteinführung drastisch heruntergesetzt. Wurde bei der ersten Preisankündigung noch
von „unter 5.000 Euro“ gesprochen, so ließ der Camcorder-Marktführer zur Photokina
den Listenpreis auf ganze 4.200 Euro inklusive Mehrwertsteuer sinken. Ganz klar:
Angestrebt wurden Straßenpreise mit einer „3“ als erster Ziffer, und prompt tauchten
bereits die ersten 3.999€-Angebote im Internet auf. Wer sich daher zu Weihnachten einen
„großen“ Dreichipper im MiniV-Format hatte gönnen wollen, die ja ebenfalls zwischen
3.000 und 5.000 Euro kosten, dem wird der Einstieg in HDV für knapp 4.000 Euro natürlich
außerordentlich schmackhaft gemacht. Denn dessen Bildqualität, s. CV-Testbericht, ist
nur noch „grandios“ zu nennen.
Fast noch wichtiger: Der Interessent wird tatsächlich in der Lage sein, die FX1 bereits
in diesem Jahr zu kaufen. Denn wurde bei der ersten FX1-Ankündigung der
Auslieferungstermin durch Sony noch vage mit „im Winter“ angegeben (der ja in
Deutschland bisweilen in den April hineinreicht...), kommt die FX1 nach dem letzten
(Photokina)-Stand der Dinge nun bereits Mitte November in den Handel. Sony hat es durch
eine beispiellose Kraftanstrengung in der Entwicklung in Japan wie in allen anderen
Abteilungen (Vertrieb, Marketing usw.) geschafft, seinen HDV-Pionier noch rechtzeitig zum
Jahresendgeschäft im Markt zu plazieren. Chapeau!
So war denn auch der komplette Photokina-Auftritt von Sony auf High Definition abgestimmt.
Das Thema zog sich durch von der Standplanung über die Pressekonferenz bis in die
gezeigten Geräte sämtlicher Bereiche. Die Marketingaussage ist so simpel wie eingängig:
„Sony = hochauflösend!“ Konsequenterweise wurde auf die Vorstellung anderer
Camcorder, die nur in irgendeiner Form die Aufmerksamkeit von der zentralen Botschaft
hätten abgelenken können, konsequent verzichtet.
Tusch für Microdrive: „JVC = bandlos“
Einen weiteren Knaller hatte JVC mit nach Köln gebracht. Der Erfinder des VHS-Formates
will in Zukunft für bestimmte Geräte ganz auf Magnetband als Aufzeichnungsmedium
verzichten. Die beiden Modelle der neuen „Everio“-Serie nehmen stattdessen auf den
Microdrive auf, eine Mini-Festplatte im 1-Zoll-Format, die ursprünglich bereits Mitte der
90er Jahre eingeführt wurde. Die Microdrives der Everios stammen von Hitachi und haben
eine Speicherkapazität von 4GB. Da die Everios nicht im herkömmlichen DV-Format mit 25
Megabit pro Sekunde (mbps) aufnehmen, sondern im platzsparenderen MPEG2-Format (mit bis zu
8,8 mbps bei Standardauflösung mit 720x576 Pixeln und 50i), passen je nach
Qualitätsstufe zwischen 60 und 300 Minuten auf den 4GB-Microdrive. Alternativ können
übrigens ebenso gut Compact Flash-Speicherkarten verwendet werden. Sie sind mit großen
Kapazitäten ab 1GB zwar noch deutlich teurer als Microdrives gleicher Größe, doch haben
sie den unschätzbaren Vorteil von „No moving parts“: Keine beweglichen Teile in der
Medienaufzeichnung, das bedeutet: kein Verschleiß, kein Abrieb, keine Plattenfehler,
keine Wartung. Wer demnach bei der Aufzeichnung zu 100% auf Nummer Sicher gehen will,
setzt bei Everio auf CF.
Vorgestellt wurden zunächst zwei Modelle, die GZ-MC100 in Hochkantbauweise, die GZ-MC200
als miniaturisiertes Kompaktgerät mit Schwenkfunktion. Die genaue Modellbeschreibung
finden Sie in den News ab S. 8. Als gesichert darf allerdings gelten, daß die beiden
ersten Everios nicht lange allein bleiben werden. Schließlich blieb HDV-Pionier JVC der
PAL-Hälfte der Welt immerhin seit zwei Jahren ein waschechtes 1.440i-HDV-Gerät schuldig.
Würfeln wir doch einfach mal JVCs Knowhow und Ambitionen in Sachen HDV mit der Aufnahme
auf Microdrive(s) zusammen, streuen 1 bis 3 CCD- oder gar CMOS-Chips ein und schmecken das
Ganze mit Profi-Features wie „Progressive“ und 16:9 ab, und schon serviert die
JVC-Entwicklerküche der HDV-Welt eine wunderbar zukunftstaugliche Camcorder-Famile.
Unsere Meinung, frei nach Julius Cäsar: „Bei Hannover sehen wir uns wieder!“
Tusch für Multifunktionskameras: MPEG4 und SD-Cards kommen
Ein weiterer Trend für den Herbst ließ sich an den Photokina-Ständen von Sanyo und
Samsung und Mustek beobachten: Kamera-Zwitter für Standbildaufnahme und MPEG4-Video mit
diversen Zusatzfunktionen. Bei Sanyo ist die Xacti Digital Movie C4 die Nachfolgerin der
C1 (s. Test in CV 2/04): Neu sind der 5,8fache, optische Zoom (10x digital), der
integrierte Bildstabilisator, Anti-Aliasing und die für einen solchen Winzling
gigantische Foto-Auflösung von 4 Megapixeln, mit Interpolation bis zu 8 Megapixeln. Sanyo
verspricht dafür „hervorragende Ausdrucke bis zum Format A3“. Das Display wurde auf
1,8 Zoll vergrößert und ist semi-transmissiv, wodurch sich Aufnahmen selbst bei starker
Sonneneinstrahlung betrachten lassen: Das einfallende Licht beleuchtet die LCD-Pixel von
der Rückseite aus wodurch sie auf dem Monitor heller erscheinen. Video speichert die C4
in VGA-Auflösung (640x480) mit 30 Bildern pro Sekunde im MPEG4-Format auf SD-Card ab. Die
Docking-Station dient zum Laden des Akkus und zur Datenübertragung an PC (per USB 2.0)
und TV. Ein eingebautes Mikrofon ermöglicht 2-Kanal-Stereoaufnahmen für AA-LC
(MPEG4-Audio) mit 48 kHz und 16bit; eine Funktion zur Unterdrückung von Windgeräuschen
ist ebenfalls integriert. Ab Ende Oktober soll die C4 für 599 € im Handel sein.
Bei Samsung läuft die neue Camcorder-Generation unter dem Namen MiniKet. In den Abmaßen
einer Zigarettenschachtel hat Samsung Video- und Fotoaufnahme (2,11 Megapixel), MP3-Player
(2 Stunden) und Diktierfunktion (mit Stereomikrofon) untergebracht; aufgezeichnet wird auf
den integrierten Flashspeicher: gut eine Stunde MPEG4-Video beim MiniKet-Modell VM-M2100
mit 1 GB, eine halbe Stunde beim kleineren Modell VM M2050 mit 512 MB. Wem’s nicht
langt, für den gibt’s einen MultiCard Slot für zusätzlichen Speicherplatz. Das kleine
Modell kommt im Oktober, das größere im Dezember für „unter 1.000 €“, so Samsung
auf der Photokina. Videofilmer aufgepaßt: Die digitalen Schweizer Taschenmesser kommen!