Photokina 2004:
Neue Ufer

Anno Domini 2004:
Auf der Photokina fiel der Startschuß für HDV


Von Roland Schäfer


(Artikel mit allen Bildern im Heft)

PhotokinaKoelnDom.jpg (3627 Byte)


Neun Jahre nach der Vorstellung von Digital Video für Consumeranwendungen läuten die Hersteller von Camcordern und Nachbearbeitungs-Tools die nächste Runde ein: High Definition Video ist das „NBT“, das „Next Big Thing“ der Branche. Doch nicht nur in Sachen Auflösung entwickeln sich die Camcorder weiter: Auch bei den Speichermedien tut sich was, wie unser Photokina-Bericht weiß.

Wer Ende September durch die Kölner Messehallen schlenderte, rieb sich bisweilen verwundert die Augen: dicht gedrängt die Besucher auf den Gängen und an den Ständen, geschäftige Aussteller, Innovation allerorten. Kaum eine Spur vom kollektiven Katzenjammer der letzten Jahre, von gähnend leeren Messehallen und langen Gesichtern. Die Messegesellschaft sprach gar von Besucher- (160.000) und Ausstellerrekorden (1.589), einem „einzigartigen Aufwärtstrend der Branche“ und einer „Photokina der Superlative“. Was war geschehen?

Wie es scheint, zieht sich die Imaging-Branche wieder mal an den eigenen Haaren aus dem Sumpf. Die Zeit scheint günstig: Das Weihnachtsgeschäft steht vor der Tür, Deutschland hat übers Jahr sein Geld zusammengehalten; nun wagen sich die Käufer aus der Deckung, besonders bei Hightech, Home Cinema und Hochauflösendem. Die Industrie erleichtert den Einstieg mit jeder Menge neuer Produkte, 3 und 5 Megapixel zum Schleuderpreis, ganze Familien von Digitalknipsen unter 100 Euro, dazu große Flachbildschirme, Heimkino-Projektion und Mediaserver für den Hausgebrauch (s. dazu u.a. unsere NAS-Marktübersicht in diesem Heft). Und die Videobranche?

Tusch für HDV: „Sony = hochauflösend“
Die Videobranche, bei den Camcordern auf lediglich etwa 10 Prozent der Stückzahlen digitaler Fotokameras angesiedelt, hat mit etlichen strukturellen Entscheidungen ebenfalls Neuland betreten. Die Würfel sind gefallen zugunsten alternativer Speichermedien -- Festplatte, Flash Memory-Karten, DVD -- vor allem aber zugunsten von HDV. Das DV-Format, eingeführt 1995 in Form der Sony VX1000, hat als Innovationsmotor ausgedient; mittelfristig wird DV zum digitalen Einsteigerformat werden und VHS ablösen, obwohl sich „Analog“ als zäher als erwartet erweist. Die Musik aber spielt bei High Definition Video: Hier ist für die nächsten Jahre eine Flut neuer Geräte zu erwarten, auch preislich und leistungsmäßig abgespeckter. Den munteren Innovationsreigen eröffnen schon traditionsgemäß die Camcorder (klar, ohne Aufnahmegerät kein Material), versinnbildlicht in Form der Sony HDR-FX1 (s. Vorabtest ab S. 20). Zwar kann die FX1 nicht den Titel des „Ersten HDV-Camcorders“ für sich beanspruchen; dieser Titel gebührt JVC mit seinen Modellen GR-HD1 und JY-HD10. Doch wo diese Einchipper sich auf die Einstiegs-HDV-Auflösung von 1.280x720p und NTSC beschränkten, erfüllt der Dreichipper FX1 auch die „große“ HDV-Spezifikation mit 1.440x1.080i und ist in PAL verfügbar.

Also das Wichtigste vorweg: Sony hat den Preis für die FX1 bereits vor ihrer Markteinführung drastisch heruntergesetzt. Wurde bei der ersten Preisankündigung noch von „unter 5.000 Euro“ gesprochen, so ließ der Camcorder-Marktführer zur Photokina den Listenpreis auf ganze 4.200 Euro inklusive Mehrwertsteuer sinken. Ganz klar: Angestrebt wurden Straßenpreise mit einer „3“ als erster Ziffer, und prompt tauchten bereits die ersten 3.999€-Angebote im Internet auf. Wer sich daher zu Weihnachten einen „großen“ Dreichipper im MiniV-Format hatte gönnen wollen, die ja ebenfalls zwischen 3.000 und 5.000 Euro kosten, dem wird der Einstieg in HDV für knapp 4.000 Euro natürlich außerordentlich schmackhaft gemacht. Denn dessen Bildqualität, s. CV-Testbericht, ist nur noch „grandios“ zu nennen.

Fast noch wichtiger: Der Interessent wird tatsächlich in der Lage sein, die FX1 bereits in diesem Jahr zu kaufen. Denn wurde bei der ersten FX1-Ankündigung der Auslieferungstermin durch Sony noch vage mit „im Winter“ angegeben (der ja in Deutschland bisweilen in den April hineinreicht...), kommt die FX1 nach dem letzten (Photokina)-Stand der Dinge nun bereits Mitte November in den Handel. Sony hat es durch eine beispiellose Kraftanstrengung in der Entwicklung in Japan wie in allen anderen Abteilungen (Vertrieb, Marketing usw.) geschafft, seinen HDV-Pionier noch rechtzeitig zum Jahresendgeschäft im Markt zu plazieren. Chapeau!

So war denn auch der komplette Photokina-Auftritt von Sony auf High Definition abgestimmt. Das Thema zog sich durch von der Standplanung über die Pressekonferenz bis in die gezeigten Geräte sämtlicher Bereiche. Die Marketingaussage ist so simpel wie eingängig: „Sony = hochauflösend!“ Konsequenterweise wurde auf die Vorstellung anderer Camcorder, die nur in irgendeiner Form die Aufmerksamkeit von der zentralen Botschaft hätten abgelenken können, konsequent verzichtet.

Tusch für Microdrive: „JVC = bandlos“
Einen weiteren Knaller hatte JVC mit nach Köln gebracht. Der Erfinder des VHS-Formates will in Zukunft für bestimmte Geräte ganz auf Magnetband als Aufzeichnungsmedium verzichten. Die beiden Modelle der neuen „Everio“-Serie nehmen stattdessen auf den Microdrive auf, eine Mini-Festplatte im 1-Zoll-Format, die ursprünglich bereits Mitte der 90er Jahre eingeführt wurde. Die Microdrives der Everios stammen von Hitachi und haben eine Speicherkapazität von 4GB. Da die Everios nicht im herkömmlichen DV-Format mit 25 Megabit pro Sekunde (mbps) aufnehmen, sondern im platzsparenderen MPEG2-Format (mit bis zu 8,8 mbps bei Standardauflösung mit 720x576 Pixeln und 50i), passen je nach Qualitätsstufe zwischen 60 und 300 Minuten auf den 4GB-Microdrive. Alternativ können übrigens ebenso gut Compact Flash-Speicherkarten verwendet werden. Sie sind mit großen Kapazitäten ab 1GB zwar noch deutlich teurer als Microdrives gleicher Größe, doch haben sie den unschätzbaren Vorteil von „No moving parts“: Keine beweglichen Teile in der Medienaufzeichnung, das bedeutet: kein Verschleiß, kein Abrieb, keine Plattenfehler, keine Wartung. Wer demnach bei der Aufzeichnung zu 100% auf Nummer Sicher gehen will, setzt bei Everio auf CF.

Vorgestellt wurden zunächst zwei Modelle, die GZ-MC100 in Hochkantbauweise, die GZ-MC200 als miniaturisiertes Kompaktgerät mit Schwenkfunktion. Die genaue Modellbeschreibung finden Sie in den News ab S. 8. Als gesichert darf allerdings gelten, daß die beiden ersten Everios nicht lange allein bleiben werden. Schließlich blieb HDV-Pionier JVC der PAL-Hälfte der Welt immerhin seit zwei Jahren ein waschechtes 1.440i-HDV-Gerät schuldig. Würfeln wir doch einfach mal JVCs Knowhow und Ambitionen in Sachen HDV mit der Aufnahme auf Microdrive(s) zusammen, streuen 1 bis 3 CCD- oder gar CMOS-Chips ein und schmecken das Ganze mit Profi-Features wie „Progressive“ und 16:9 ab, und schon serviert die JVC-Entwicklerküche der HDV-Welt eine wunderbar zukunftstaugliche Camcorder-Famile. Unsere Meinung, frei nach Julius Cäsar: „Bei Hannover sehen wir uns wieder!“

Tusch für Multifunktionskameras: MPEG4 und SD-Cards kommen
Ein weiterer Trend für den Herbst ließ sich an den Photokina-Ständen von Sanyo und Samsung und Mustek beobachten: Kamera-Zwitter für Standbildaufnahme und MPEG4-Video mit diversen Zusatzfunktionen. Bei Sanyo ist die Xacti Digital Movie C4 die Nachfolgerin der C1 (s. Test in CV 2/04): Neu sind der 5,8fache, optische Zoom (10x digital), der integrierte Bildstabilisator, Anti-Aliasing und die für einen solchen Winzling gigantische Foto-Auflösung von 4 Megapixeln, mit Interpolation bis zu 8 Megapixeln. Sanyo verspricht dafür „hervorragende Ausdrucke bis zum Format A3“. Das Display wurde auf 1,8 Zoll vergrößert und ist semi-transmissiv, wodurch sich Aufnahmen selbst bei starker Sonneneinstrahlung betrachten lassen: Das einfallende Licht beleuchtet die LCD-Pixel von der Rückseite aus wodurch sie auf dem Monitor heller erscheinen. Video speichert die C4 in VGA-Auflösung (640x480) mit 30 Bildern pro Sekunde im MPEG4-Format auf SD-Card ab. Die Docking-Station dient zum Laden des Akkus und zur Datenübertragung an PC (per USB 2.0) und TV. Ein eingebautes Mikrofon ermöglicht 2-Kanal-Stereoaufnahmen für AA-LC (MPEG4-Audio) mit 48 kHz und 16bit; eine Funktion zur Unterdrückung von Windgeräuschen ist ebenfalls integriert. Ab Ende Oktober soll die C4 für 599 € im Handel sein.

Bei Samsung läuft die neue Camcorder-Generation unter dem Namen MiniKet. In den Abmaßen einer Zigarettenschachtel hat Samsung Video- und Fotoaufnahme (2,11 Megapixel), MP3-Player (2 Stunden) und Diktierfunktion (mit Stereomikrofon) untergebracht; aufgezeichnet wird auf den integrierten Flashspeicher: gut eine Stunde MPEG4-Video beim MiniKet-Modell VM-M2100 mit 1 GB, eine halbe Stunde beim kleineren Modell VM M2050 mit 512 MB. Wem’s nicht langt, für den gibt’s einen MultiCard Slot für zusätzlichen Speicherplatz. Das kleine Modell kommt im Oktober, das größere im Dezember für „unter 1.000 €“, so Samsung auf der Photokina. Videofilmer aufgepaßt: Die digitalen Schweizer Taschenmesser kommen!

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