Sony MicroMV: Kleinster!

Weltneuheit: erstes Consumer-Bandformat für MPEG-2

Von Roland Schäfer

Das Bessere ist bekanntlich der Feind des Guten: Kaum schien bei der Miniaturisierung von Digital Video das Ende der Fahnenstange erreicht, greift Marktführer Sony einmal mehr in die Trickkiste und eröffnet einfach ein neues Spiel. Die Weltpremiere zur IFA in ComputerVideo — Trommelwirbel und Tusch: Auftritt MicroMV! So heißt Sonys neues MPEG-2-Bandformat für Consumer-Anwendungen.

DCRIP7R1.jpg

Von wegen mini-mini: MicroMV heißt das neue Bandformat von Sony.

Was braucht es, um quasi im Alleingang ein neues Videoformat einzuführen? Nun, zunächst mal eine Vision: Das neue Digitalformat MicroMV basiert nicht auf dem 1995 eingeführten DV, sondern auf MPEG-2, dem offenen Standard von DVD, DVB und Co. Hier konnte Sony auf das MPEG-2-Knowhow seiner Broadcast-Abteilung zurückgreifen, die MPEG-2 bereits seit Jahren für Profi-Formate wie Digital Betacam und IMX verwendet hat. Zweitens benötigt ein solcher Coup eine Entwicklerabteilung allererster Sahne. Die Mannschaft um MicroMV-Chefingenieur Takao Yoshikawa arbeitet seit Jahren zusammen und hat zuletzt Sonys Stamina-Akkutechnologie entwickelt. Und last not least braucht’s die Position des Marktführers oder zumindest die eines seiner engen Verfolger, um die anfangs doch recht einsame Entscheidung für den Alleingang und gegen ein weltweit etabliertes Format wie DV überhaupt fällen und die immensen Entwicklungsausgaben dafür rechtfertigen zu können. Wer hier nicht eine vergleichbare Marktmacht und Chuzpe vorweisen kann wie Branchenprimus Sony, hat im heißumkämpften Markt für Unterhaltungselektronik nicht den Hauch einer Erfolgschance.

M wie MPEG-2, V wie Video

MicroMV setzt auf MPEG-2 (s. diverse CV-Backgrounder seit Ausgabe 6/97). Wie alle Varianten der MPEG-Codecfamilie speichert auch jener von MicroMV nicht jedes Einzelbild eines Videostromes ab (wie z.B. DV), sondern lediglich ausgewählte Einzelbilder in regelmäßigem Abstand (jedes 12. Frame bei MicroMV). Die Bilder zwischen diesen "I-Frames" werden interpoliert, die Änderungen zum jeweiligen I-Frame abgespeichert, die mathematischen Bewegungsvektoren einzelner Pixelblöcke analysiert und ebenfalls abgespeichert.

Das Resultat ist eine deutliche niedrigere Datenrate bei vergleichbarer Bildqualität. MicroMV kommt im Standard-Modus mit bis zu 12 Megabit pro Sekunde, im Longplay-Modus (der freilich in der ersten Gerätegeneration noch nicht implementiert ist) mit 6 mbps aus. Wer sich je von der Qualität einer DVD überzeugen konnte, die typischerweise ebenfalls mit einer Datenrate von 6 mbps erzielt wird, liegt für MicroMV schon ganz richtig. ComputerVideo konnte Sonys neue MV-Camcorder bereits vorab in Augenschein nehmen: Am Bildschirm steht die Qualität jener von DV in nichts nach – nur daß DV dafür die doppelte Datenrate benötigt (25 mbps). Zudem arbeitet MicroMV nicht mit konstanter, sondern mit variabler Datenrate (VBR – Variable Bit Rate): Die Kompressionsrate wird an den jeweiligen Bildinhalt angepaßt, die Bildqualität dadurch höher.

Das Ergebnis der Schrumpfanstrengungen ist wieder einmal der kleinste Digital-Camcorder der Welt. Die neuen DCR-IP5- und -7 würden jedem 007 zur Ehre gereichen: Sie verschwinden in der Handfläche, kommen bei 310 Gramm Gewicht auf gerade mal 10,3 Zentimeter Bauhöhe und ein Volumen von 280cc – Werte, die von DV-Camcordern kaum zu toppen sein dürften (zum Vergleich: der bisher Kleinste brachte noch 380 Gramm bei 350cc auf die Waage). Wer also langfristig mithalten will im Schrumpf-Wettlauf der Hersteller, wird um eine Lizensierung von MicroMV nicht herumkommen — oder er muß selbst ein neues Aufzeichnungsformat und -Medium entwickeln.

Lohn der Mühe: Kleinster!

Zudem lassen allein die Maße der neuen MV-Kassette erahnen, daß der DCR-IP7 noch kleinere Geräte folgen werden: Ihr Volumen ist nur noch etwa ein Viertel so groß (genau: 46 x 30,2 x 8,5mm) wie das einer DV-Kassette. Aufgezeichnet wird wie bei DV auf ein metallbedampftes Band, das allerdings mit 5,3µm eine nur noch halb so breite Spur hat wie das DV-Band. Das Band bringt im SP-Modus 60 Minuten Digitalvideo auf eine Kassette, 120 Minuten sollen es im LP-Modus werden. Ihr Preis wird allerdings mit etwa 16 Euro zu Beginn noch deutlich höher liegen als jener einer MiniDV-Kassette, doch etwa nur die Hälfte des derzeitigen Preises einer 8cm-DVD-RAM. Lieferschwierigkeiten wie in der Frühzeit von DV sollen bei MicroMV laut einem Sony-Sprecher freilich ausgeschlossen sein.

Im Kassetten-Memory (64KB) sind die Aufnahmedaten und Länge aller Szenen sowie die noch freie Bandzeit festgehalten. In punkto Navigation innerhalb der Szenen auf dem Band wird sich MicroMV an DVD-RAM-Camcordern messen lassen müssen (s. z.B. Test des Hitachi DZ-MV100 in CV 4/01), und folglich haben sich die Sony-Techniker an deren Navigation zum Vorbild genommen. Der DCR-IP5/7 speichert das erste Bild einer jeden Szene als Indexbildchen ab, und zwar auf einer Randspur des MV-Bandes, dem "Suchbereich", der durch einen Sub-Code von den eigentlichen AV-Daten (embedded) abgetrennt ist. Zwischen den Indexbildchen läßt sich am LCD-Bildschirm mittels "Multi Picture Search" zügig navigieren – sofortiger, wahlfreier Zugriff (Random Access) geht freilich nicht. Das bleibt vorerst der sicherlich größte Anwendungsvorteil der DVD-RAM-Camcorder; bandbasierte Systeme können hier einfach nicht mithalten. Das schnelle Vor- und Rückspulen einer kompletten Kassette erledigt der IP5/7 in 4 Minuten.

IP und Bluetooth

Neben dem neuen Aufzeichnungsformat haben Sonys Neulinge (übrigens auch der DV-Camcorder DCR-PC120, s. vorige Seite) zwei weitere Techno-Visionen zu bieten: die Internet-Adresse sowie die Ausstattung mit Bluetooth, dem neuen drahtlosen Übertragungsstandard. Bereits auf der Vorab-Pressekonferenz zur CeBIT im Februar hatte Deutschland-Geschäftsführer Leo Bonengl verkündet, Sony werde künftig jedes Gerät mit singulärer Webadresse ausstatten. Damit wird prinzipiell jedes einzelne Sony-Gerät über beliebige Web-Browser adressier- und steuerbar. Als zentraler Anwendungsgedanke steht bei Sony die Vernetzung aller Geräte innerhalb und außerhalb des Haushalts im Vordergrund. So erklärt sich auch der Name der neuen Camcorder: Das "IP" im Namen steht für "Internet-Protokoll", und die Familie heißt konsequent "Network Camcorder".

Im neuen DCR-IP5 ist freilich die Internet-Funktionalität gar nicht, im DCR-IP7 immerhin zum Teil ausgebildet. Was bereits funktioniert, ist Web-Browsing direkt vom Camcorder-LCD-Bildschirm aus. Emails lesen, HTML-Seiten auf den MemoryStick der IP7 speichern, alles ohne PC: tolle Sache! Ein wenig langsam zwar, aber immer noch schneller als WAP.

Was ebenfalls schon funktioniert, ist die Übertragung von Video und Standbildern per Email direkt vom Camcorder aus über GSM-Handy oder Festnetz. In einer Demonstration des Gerätes, an der CV teilnahm, krochen freilich statt der GSM-standardmäßigen 9,6 Kilobit nur etwa 2 kB pro Sekunde über den Äther – hier ist die tatsächlich zur Verfügung stehende Übertragungsbandbreite des Carriers der Flaschenhals, und die müssen sich die Videodaten bekanntlich mit allen anderen teilen. Die GPRS- und UMTS-Handies der 3. Generation sollen Abhilfe schaffen (theoretische Bandbreiten: 118kbps bzw. 2mbps). Berechnet man die Kosten eines 10 Sekunden langen MPEG-2-Videos mit nur 160 x 112 Bildpunkten Auflösung auf der Basis heutiger Preise, so wären bei einer realistisch zur Verfügung stehenden UMTS-Bandbreite von 100kbps (Dauer der Übertragung ca. 20 Sekunden) etwa DM 1,25 zu berappen – Videogrüße gehen ins Geld. Immerhin: Für die Funktionalität hat Sony als Hersteller gesorgt – ihre Anwendbarkeit hängt von anderen ab. Für künftige MicroMV-Generationen denkt Sony an Live Streaming und das Hochladen der Videos vom Camcorder direkt ins Internet, an die Fernsteuerung des MV-Gerätes über das Internet – irgendwann ...

Bei Bluetooth sieht’s ähnlich aus wie bei IP. Der Nachfolger der Infrarot-Standards liefert per Definition 1 mbps – das reicht zwar für Standbilder, nicht aber für die volle Bandbreite des Live-Videostroms von MicroMV aus. Benötigt wird ein Bluetooth-Handy oder der Sony-Adapter BTA-NW1 (DM 799,--, lieferbar ab Oktober; Reichweite: 10 Meter). Praktischerweise liegt das Videosignal während des Kamerabetriebes am 4-Pol-i.Link-Ausgang des DCR-IP7 an. Per Kabel kann es also auf jeden Fall direkt auf einen Rechner überspielt werden.

MovieShaker

Apropos i.Link/1394: So ganz nebenbei hat Sony die erste Consumer-Anwendung mit Übertragung von MPEG-2-Video via 1394 hinbekommen. Einmal im Rechner angelangt, kann das Originalmaterial mit der neuen Sony-Schnittsoftware "MovieShaker" nachbearbeitet werden. Die Szenenerkennung geschieht automatisch, MovieShaker speichert pro REC-Vorgang eine Datei ab. Ist das Video fertig, wandelt MovieShaker es bei Bedarf in ein MPEG-1-Movie oder eine AVI-Datei um. Letztere freilich könnte nur auf Systemen wiedergegeben und verarbeitet werden, die den MicroMV-Codec installiert haben – derzeit also auf keinem. Denn der Codec ist bislang noch Sony-proprietär, kein NLE-Hersteller hat ihn schon in den Fingern. Hier bleibt abzuwarten, ob und wenn ja, wann welche Hersteller von Schnittsystemen Sonys MicroMV-Codec unterstützen werden. Unsere Meinung: Soll sich MicroMV schnell verbreiten, muß Sony den Codec kostenlos veröffentlichen – das Geschäft mit MicroMV dürfte für Sony in den Geräten liegen, nicht in den Lizenzeinnahmen.

Ehe wir’s vergessen, hier noch die nicht ganz unwichtigen Standardfeatures von IP5 und IP7: Carl-Zeiss-Objektiv, 180.000-Pixel-Farbsucher und 2,5-Zoll-Farb-LCD mit 211.200 Pixeln und automatischer Anpassung an die jeweilige Lichtsituation. Mit dem optionalen Stamina-Akku NP-FF77 sollen wie Winzlinge laut Sony 2 Stunden und 50 Minuten lang aufnehmen können – schaun ‘mer mal. Über MemoryStick, USB-Anschluß und eben die IP-Netzwerk-Funktionen via Bluetooth verfügt nur der IP7. Als Systemvoraussetzungen nennt Sony einen Pentium III/500 mit 128MB RAM unter Windows Me, 2000 Professional oder XP; die Unterstützung der Mac-Betriebssysteme überläßt Sony anderen. Der DCR-IP5 wird anfangs stolze DM 4.099,--, der DCR-IP7 noch viel stolzere DM 4.599,-- kosten – sicher nur Preise für die "Early Adopters". Beide Geräte sollen ab November ausgeliefert werden. Nähere Infos gibt’s unter www.sony.de.

 

Systemvergleich: MicroMV und MiniDV
Digitales Bandformat MicroMV MiniDV
Kompressionsstandard MPEG-2 DV
Datenrate/Laufzeit SP: 12mbps/60min.
LP*: 6mbps/120min.
SP: 25mbps/60min.
LP: 18,75mbps/90min.**
Aufzeichnungsmedium Bandkassette Bandkassette
Größe des Mediums 46 x 30,2 x 8,5mm 66 x 48 x 12mm
Spurbreite (SP) 5,3µm 10µm
Trommeldrehzahl 6000 rpm 9000rpm
Bandgeschwindigkeit/s 5.6565mm 18.831mm
Horizontalauflösung > 500 > 500
Samplingfrequenz 13,5 MHz 13,5 MHz
Quantisierungstiefe 8 Bit 8 Bit
Audiosignal/Aufnahme MPEG Audio Layer 2 16 Bit PCM
Nachvertonung no 12 Bit PCM 1
  * erst ab 2. Gerätegeneration ** noch niedrigere Raten/längere Zeiten bei einigen Canon-MV-Modellen, s. CV 3/01 und 4/01

 

Zurück zum Seitenbeginn